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Der Schwule mit dem Bart

Kennen Sie den Song „Yellow River“? Ist schon ein wenig älter. Jedenfalls saßen wir an der Kaffeetafel und im Radio wurde dieses Lied gespielt. Ich schaute meine Kaffeetante mit hochgezogenen Brauen an und fragte: „Naa?“ „Weißt Du worum es in diesem Lied geht?“ „Naahaaa?“ Irgendwann fing Sie an zu lachen. Mein stilles Grinsen brodelte schön länger und bahnte sich wie ein ausbrechender Vulkan in ein irres Gelächter seinen Weg. Anmerkung an mich: Was hat Rotwein auf der Kaffeetafel zu suchen und wer putzt den Boden?

Nach dem Gröhlen, niemand verstarb, wir röchelten noch ein wenig. Yellow River! Brrrr.. Bevor es wieder ernst wurde.. Die Kaffeetante zu mir bei ebenjener Gelegenheit: „Das erinnert mich an den Schwulen. Den mit dem Bart.“

Ich: „Was? Wer?“
Sie: „Na, da hast Du mir doch damals auch eine Erklärung zu dem Song gegeben. Ich komme nicht drauf! Aber er singt Englisch.“
Ich: „Adolf Hitler?“
Sie: „Ach was!“
Ich: „Aber der hatte einen Bart. Und Englisch konnte der Ösi wohl auch.“
Sie: „Warte, warte – er liegt mir auf der Zunge..“
Ich: „Elton John?“
Sie: „Ich glaube Du verwechselst Bart mit Brille.“
Ich: „Queen?“
Sie: „Nee, nicht die Queen.“
Ich: hihihi..
Ich: „Rock Hudson?“
Sie: „Nee, zwischen Rock Hudson und Elton John.“
Ich: „ZZ Top?“
Sie: „Neeeeeheeee!“
Ich und Sie: „..“
Sie: „Ja! JAHA! ICH HABS! Frank Zappa!“
Ich: „Öhm, der war doch nicht schwul.“
Sie: „Ach Gottchen, Süßer.. Hast Du mal den Song Bobby Brown gehört?“
Ich: „..“

Placebo in Kölle

„Rock und schwul“ schrie der Leadsänger von Placebo in die Arena.

Einigermaßen vorgeglüht begab es sich letzten Mittwoch dass wir uns mit zwei Nestflüchtigen in Kölle trafen. Beide haben ihre Grundschulzeit beendet und machen nun als sogenannte Studenten in eigenen Buden Dortmund und Bonn unsicher. Um den Auszug der Vögel zu feiern und als Geburtstagsgeschenk für L., lud ich die Truppe zum Placebo Konzert in die Lanxess-Arena ein. Was mir, ehrlich gesagt, an einem Werktag überaus schwer fällt zumal ich am nächsten Tag das wichtigste Gespräch des Jahres mit dem Scheffe hatte. End-Year-Review und Definition der neuen Ziele. Da geht es um Kohle, Leute!

Die britische Band Placebo sind grade auf ihrer 20-jährigen Geburtstagstour unterwegs und können auf acht veröffentlichte Alben, wenn ich richtig gezählt habe, zurückblicken. Diese wurden kreativ und mit der unverwechselbaren Stimme des Frontmanns Brian Molko eingespielt und werden nun ausgiebig auf der Tour, davon vier Konzerte in Deutschland, mit Fans gefeiert. Wie gesagt, wir waren in der Lanxess-Arena dabei, welche für ihre saumäßige Akustik bekannt ist. Das sollte aber den Spaß im Vorfeld nicht mindern und im Nachhinein bewundere ich die Tontechniker die auch Unmögliches möglich machen können.

Knapp 13.000 Musikbegeisterte Placebo-Fans fanden sich erwartungsvoll geifernd schon Stunden vor Beginn des Konzerts in der Halle und auf den Rängen ein obwohl es doch in der Arena unzählbare Sauf- und Fressgelegenheiten gab. Zum Saufen beispielsweise gab es doch genug. Nämlich die Pissplörre Bitburger, die Kotzbrühe Gilden Kölsch sowie der letzte Scheißdreck König Pilsener. Drei Sorten Bier und man musste sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Aber alles besser als was die Norddeutschen da fabrizieren und penetrant und exklusiv unter die Leute bringen. Nämlich das Becks, was man nur trinken kann wenn man Todessehnsucht hat oder sich Eitergeschwüre im Darm und der Kehle wünscht. Gut dass ich immer einige Portionen Wodka in meinen überaus gepflegten Festivalschuhen mit mir führe.

Das Programm sah wie folgt aus:

19:45 – 20:15 Uhr Support Act
20:40 Uhr Video
20:45 Uhr Placebo

Keine Ahnung wer oder was der Support Act war. Man hörte nichts. Weder von denen noch von den Gästen in der relativ großen Halle. Sanitäter sprangen umher um ohnmächtige Fans in die Notaufnahme zu bringen. Es stellte sich aber jedes Mal heraus dass die Leute einfach eingeschlafen sind und zu Boden sackten. Bis wir kamen. L. ist ja so um die 1,85 Meter groß. Der J. 2,45 Meter und hat sich beim Rudern den Zeh mehrmals gebrochen (was mich einigermaßen wundert). Der F. mit schlanken 205 cm erschrak nicht durch seine Größe sondern weil er mit seinen jahrelang trainierten, kräftigen und muskulösen Gittarrenhänden am Ende eines ausgemergelten Studentenkörpers aussah wie..Ja wie? Wie Oma immer sagte: „Gib dem Jung doch mal was zu essen..“ Ich selbst, Schwamm drüber. Vielleicht nur so viel, Leute wie mich lässt man als Stargast mit Hörnern durch die Gassen von Pamplona laufen. Also, wir waren gut gerüstet für einen netten Placebo-Abend mit Pogen, Moschpit, den anderen Leuten die Sicht versperren und mit allem Drum und Dran.

Wie war das Konzert an sich? Wie wurde die Placebo-Geburtstagsfeier? Schön war es. Echt! Die zwei riesigen Leinwände zeigten netterweise vor dem Konzert immer so Handy-Verbotszeichen an, was ich gut finde. Aber als es spannend wurde waren diese Verbotszeichen dann plötzlich weg was die versammelte Menge veranlasste während der gesamten Darbietung ihre Handys hoch zu halten. Blöd gemacht, na ja.

comp_img_9714-newNeben diesen zwei riesigen Leinwänden auf denen auch die höherpreisigen Ränge und VIP-Kabinen etwas mitbekommen konnten, gab es noch zehn kleinere Bildschirme die per Roboterarmen in alle Richtungen gedreht, geschwenkt, hoch, runter, weg und hin, gekippt und mit allem Pi, Pa, Po bewegt werden konnten. Sie wurden einzeln angesteuert wurden aber auch miteinander syncronisiert so dass un- und bewegte Bilder in erstklassiger Qualität für große Augen sorgten.

Ich war ja mal Betreuer für Suchtkranke gewesen. Da musste ich ab und zu mal die Musik von Placebo verbieten um Rückfälle zu vermeiden. Ich selbst bin da selbstverständlich ausgenommen. Ich nahm den Betreuten die CD’s weg und hörte sie selbst rauf und runter. Mit Dingens in den Ohren oder auch per Teufel oder Nubert. Sie, die CD’s bereichern jetzt noch meine Sammlung. Denn – sie wurden rückfällig. Auch ohne Placebo. Das nur als Nebenbemerkung. Für mich waren Placebo seit vielen Jahren Begleiter bei Höhen und in Tiefen. Bei Fun und bei Grummeleien. Rockig, sphärisch, nachdenklich gab es viele Songs die mein Herz gekreuzt hatten. Und wir erlebten ein Best-Of aus 20 Jahren Musikgeschichte einer Band die zumindest mir den ein und anderen Eye-Opener bereiteten. Zart, hart, mit großen Gesten und mit einer Vielzahl, dem Slapstick anmutenden, Gitarrenwechseln erwischte mich Placebo in einer Phase in der ich offener und feinfühliger wurde. Ich googelte grade danach und die besten Ergebnisse waren „Altersschwachsinn“.

Nee, war jut. Echt super! Kann man nicht meckern. Wie sagte da ein prekärer Zeitungsfritze aus der vermaledeiten WZ-Gruppe (Autor schrieb anonym ohne Kürzel und irgendwas)?

„Eigentlich eine schwere Pille, die Placebo da verabreichte, aber sie schlug doch an. Wirkstoff ist Sänger Brian Molko, der mit seiner fragilen Stimme Schmerz und Ekstase aus seinem dünnen Körper presst. Molko arbeitet das Liedgut nicht ab, er durchlebt neu. Je nach Atmosphäre der Songs tanzt der Frontmann sein Publikum verführerisch an, boxt mit seinem Spiegelbild oder sackt erschöpft in sich zusammen. Die Schauspiel-Ausbildung des androgynen Frontmanns, den seine Eltern lieber als Banker gesehen hätten, hat sich wohl ausgezahlt.“

Weil ich dieses Zitat nicht als Letztes stehen lassen will möchte ich, als Honk, Ihnen herzlich mitteilen dass ich Placebo jetzt das vierte Mal live erlebte. Die ersten beiden Male war ich nur am knoddern und machte Scherze über Schwule. Das dritte Mal war ich weniger besoffen und ein wenig älter und begriff langsam. Dieses Mal war für mich persönlich ein Erlebnis. Ich ließ es zu und genoss ohne Vorurteile. Denn ich habe dazu gelernt und lächerliche Brücken überwunden. Warum so spät, frage ich mich? Ich habe viel verpasst.

Möchten Sie was sehen? Ich habe ein paar Aufnahmen gemacht. Enjoy: