Tommy

Sein roter, langer Bart zitterte vor Zorn. Seine blauen Augen blitzten furchterregend, seine Gesichtszüge versteinert, die Fäuste geballt. So stand Hans-Werner Samenström (geb. Ouédraogo- Chukwunyelu), der 13. Sohn eines kubanischen Kesselflickers und einer irischen Hütehundmelkerin, vor seiner kleinen Tochter und fasste endlich einen Entschluss. Hans-Werner kam zu seinem Vornamen nach Hr. Prof. Dr. Sinn, als sich seine Eltern nach tagelangem Vollrausch, stockbesoffen auf der Entbindungsstation spontan für einen Namen entscheiden mussten.

Quadrophenia’s schwarze Kulleraugen füllten sich mit Tränen. Die langen schwarzen Rastalocken hingen noch trauriger von ihrem zarten 4-jährigen Köpfchen als gewöhnlich. Ihre verstorbene Oma, Gott habe sie selig, eine südostasiatische Einwanderin aus Ungarn, hätte ihren Standardhinweis gebracht: „Kind, binde doch Deine Haare zusammen.“. Doch in dieser Situation, wie auch in jeder anderen, wäre dieser Spruch nicht hilfreich gewesen. Das wusste auch Hans-Werner.

Mit seinen 2,34 Meter überragte er sein geliebtes Kind um Hauptlänge. Zärtlich nahm er es tröstend in den Arm und gab gutturale Laute von sich, die nur er und Quaddel, so nannte er liebevoll seine jüngste Tochter, mit Sinn anfüllen konnten. Quaddel kuschelte sich in Papas starke Arme und hörte langsam mit dem Weinen auf. Ihre kleinen Schultern bebten nur noch ein wenig, leise Schluchzer nur noch, waren aus ihrem Zahnspangenmündlein zu vernehmen. Wie tröstend und es fühlte sich kühl an, lief ihr Blut aus den Wunden im Gesicht und an den Armen. Der rote Lebenssaft verdeckte die alten Narben wie ein Schleier, der sich gnädig über die jahrelangen Misshandlungen senkt.

Hans-Werner wusste nicht mehr wie oft sie im Familienrat dieses Thema angesprochen und, ohne zu einem Resultat zu kommen, diskutierten. Seine Frau Matruschka, geborene Sliwowitz, schaute der Szene aus der Entfernung zu und kaute an ihren Fußnägeln, was sie immer tat, wenn dunkle Wolken aufzogen. Jaqueline, mit 86 Jahren die älteste Tochter von Hans-Werner und Matruschka, begutachtete ihre Narben im altgotisch gehaltenen Flurspiegel, die der Narben von Quaddel wie aufs Ei glichen. Resignierend zuckte sie nur mit den Schultern, nahm ihren Kindergartenbeutel von der Garderobe und verließ das Haus zum Nachmittagsunterricht in der Walddorfschule.

Tommy gehörte schon lange zur Familie Samenström. Er wurde als Waisenkind schon vor mindestens vielen Jahren, wenn nicht noch mehr, liebevoll in die Familie aufgenommen und Hans-Werner, Matruschka, Quaddel und Jaqueline taten alles, um ihm seine elternlose Kindheit und sein freudloses Dasein vergessen zu lassen. Es gab nichts was ihm zum Glück und zur Vervollständigung eines selbstbestimmten, glücklichen Lebens fehlte. Während er sogar seinen eigenen Teller bekam, teilte sich der Rest der Familie einen Napf aus der Vorbronzezeit, den Hans-Werner seinerzeit nach einem Besuch im Bonner Rheinischen Landesmuseum in seinem Rucksack fand.

Der liebevoll „Satansbraten“ oder „Mistvieh“ genannte Tommy konnte ohne Zwänge seine Persönlichkeit und Neigungen entwickeln. Seine Freiheit, ja – auch auf Kosten anderer, sowie ein gewisses, ungesundes Maß an Egoismus, wurden frei nach dem Motto „Dinkel, was schert mich die Homöopathie?“ stetig gefördert und an Zuspruch fehlte es ihm nie. Sein Zuhause, ein schönes, großes Haus inmitten der Natur, mit großem Garten und angrenzenden Feld- und Wald-, Wiesenflächen nannte er stolz sein Eigen, während sich der Rest der Familie in einem Kellerraum verkroch – glücklich zwar, dass es Tommy gut ging, aber es war doch ein wenig beengt und dunkel.

Das ursprünglich aus Ischgl stammende „Mistvieh“, wo er im zarten Babyalter alleine beim Apres-Ski, eine seiner Mallorca-Fetenhits-CD hörend, gerettet wurde, entwickelte eine zunächst furchtbare, später entsetzliche und grausame, brutale Natur gegenüber allem Lebenden. Trotz Psychotherapien, Bachblütensitzungen, Westerwälder Schnaps-Einläufen und dem Umbinden von Hans-Werners Urgroßvaters alten, ungewaschenen Socken als Mund-Nasen-Schutz, machten sogar Zecken einen großen Bogen um ihn.

Schon lange hatte Familie Samenström keinen Besuch mehr bekommen. Denn wenn es an der Villentür klingelte, versteckte sich Tommy in der Eingangshalle und sobald sich die Tür öffnete, sprang er hinterlistig aus seiner Deckung heraus und fiel den Besucher an. Nicht immer führte es zum Tod des Einlassbegehrenden – sei es durch Zufall oder durch gute Gene. Als alleiniger Herrscher, damals nannte man ihn noch zärtlich „kleiner Haustyrann“, machte die Katze keinen Hehl draus wer das Sagen hat. Tommy entwickelte in aller Ruhe seine sadistische Ader, ohne dass man ihm Einhalt gebot. Beispielsweise versteckte er sich gerne in Matruschkas Schlüsselmäppchen und sprang plötzlich heraus nur um ihr aus Langeweile das Gesicht zu zerkratzen. Mit der Zeit lernte die seelengute Familie damit zu leben. Sie trugen sogar im nicht mehr so heimeligen Haus Gummistiefel, weil Tommy sie aus jeder Ecke und aus der Deckung von Möbelstücken auflauerte, um sie anzuspringen und die Beine zu zerkratzen. Den Versuchen des passiven Widerstands gewahr, erhöhte er alsbald seine Position und besprang die Familienmitglieder mit ausgefahrenen Krallen von oben, und riss und biss und kratzte große Stücke aus den Köpfen und Gesichtern der immer noch ahnungslosen Familienmitglieder. Perfide und mit außergewöhnlicher Hinterlist vergingen so Jahr um Jahr mit Zeiten des Terrors und Schrecken.

„Jetzt reicht es endgültig!“ dachte sich Hans-Werner, als sich die kleine Quaddel langsam in den tröstlichen Schlaf weinte. Trotz der vielen Albträume, die mittlerweile jeder hatte, die Angst und der fortdauernde Schrecken, konnte Hans-Werner schon jetzt, nach diesem kleinen Entschluss, Licht am Horizont sehen. Er nahm in seinem Homeoffice Stift und Block zur Hand und skizzierte erst grob, dann im Detail und mit außerordentlicher Akribie einen Plan, sein und das Leben seiner Lieben zu retten. Mit blutunterlaufenen Augen beäugte Tommy ihn misstrauisch während sich langsam die Tinte des Füllfederhalters in ein vielversprechendes Vorgehen auf das Papier einen Weg bahnte.

„Das müsste doch funktionieren.“, dachte sich Hans-Werner. Den Satansbraten in einer Nacht- und Nebel-Aktion schnappen, ab in den Kofferraum und irgendwo aussetzen. Weit, weit weg. Wäre Sibirien um die Ecke, wäre das nicht weit weg genug. Nicht kalt genug. In seiner Güte und als immer noch nachsichtiger Mensch, fand Hans-Werner keine Worte für das was er als Gas-Wasser-Installateur und nebenberuflicher Lochkartenstanzer für sich und seine Familie empfand während seiner Vorbereitungen zur Rettung. Immer die Zeit im Nacken, denn jede Stunde mit Tommy könnte die letzte für ihn und seiner so hochwohlgeborenen wie unbedarften Familie sein. Der treue Nachbarshund, die Stallhasen und die im Unterdorf wohnenden Schweinepriester gingen bereits auf Tommy’s Konto. Der Familiengoldfisch und die alte, historische Westerngitarre die Hans-Werner während seines jahrzehntelangen Aufenthalts in Klondike während seiner Umschulung zum Maschinenbauingenieur aus handverlesenen Staubnuggets bezahlte, waren ebenso Kerben in Tommys grausamen Lebenslaufs wie die altchinesische Porzellanurne mit den Überresten des geliebten Ur-ur-ur-ur-Großvaters aus Wichtelbach.

An einem Sonntagmorgen, eigentlich noch mitten in der Nacht, war es soweit. Er hat niemanden von seinem Plan erzählt. „Den Kofferraum des Edel-SUV mit VA-Stahl auskleiden.“ las Hans-Werner in seinen Notizen. „Die reiß- und feuerfesten Weber-Grillhandschuhe nicht vergessen!“, so erinnerte er sich weiter. Geschützt und gekleidet mit seinem fleckigen Lochkartenstanzeranzug, lauerte er Tommy in dessen Wohnzimmer auf und schlug dem Mistvieh sachte mit der rustikalen, altdeutschen Eichewohnwand auf den Kopf, um ihn zu betäuben. Dann zog er seine Grillhandschuhe an und schlich, den jetzt lieb und zufrieden aussehenden Tommy im Arm, leise und vorsichtig zu seinem Edel-SUV und verbrachte das Mistvieh in den Kofferraum. Er fuhr, so zeigte es ihm seine Pulsuhr an, ca. 123,7 km weiter weg in einen noch neblig, grau-schwarzen Wald und legte Tommy sanft und ganz vorsichtig auf eine Lichtung. Dann stieg Hans-Werner, mit einem flauen Gefühl im Bauch, wieder in seinen großartigen Edel-SUV und fuhr langsam, leise davon und schaute dabei ängstlich in den Rückspiegel.

Nach einiger Zeit, es dürfte in etwa eine Woche gewesen sein, kam Tommy zu sich und saß mit treuem und liebem, aber ziemlich dämlichen Blick, im Wald herum. Fragend und einigermaßen verständnislos blickte er dem wegfahrenden Hans-Werner nach. Lange noch, fast wie eine Ewigkeit saß er da. Allein, so wie damals, als er ein kleines hässliches und vollgeschissenes Baby war und seine Eltern ihn aussetzten. In Ischgl. Von Gut und Böse verlassen. Ohne Mama und Papa. Keine Freunde. Keine Freuden und ohne Hoffnung. Allein. In dieser großen Welt. „Ich bin doch nur ein kleines Katzenbaby.“ „Warum, warum?“ Diese Frage ging ihm durch den kleinen Kopf während er immer noch da saß und dämlich aus der beschmutzten Wäsche schaute. Noch den zarten Geruch der 6D-Temp-Abgase in den Ohren. An seinen Pfoten riechend, wo noch Blut von dem Streber Hans-Werner, der dusseligen Quaddel, der hysterischen Matruschka und der schleimigen Jaqueline klebte und langsam gerinnend in den Waldboden fiel. „Warum?“.

Nach wochenlanger Irrfahrt, Hans-Werner war in all seiner Aufregung zu verwirrt um das Navi richtig zu bedienen, kam er zu Hause an und schlich sich leise in den Keller wo seine Familie noch friedlich schlief und nichts von des Vaters Tat ahnte. Erst nach einigen Tagen öffnete er die wie Fort Knox gesicherte Kellertür und führte seine Familie in die ehemaligen Wohnräume von Tommy’s alten Zuhause. Es dauerte lange bis sich so etwas wie Normalität für die Familie einstellte denn dass er Tommy ausgesetzt hatte, erzählte Hans-Werner nicht. Wie ein Geist schwebte Tommy’s Mundgeruch noch jahrelang um das Haus. Als Matruschka irgendwann mal das alte Gebiss ihres Stiefvaters Montgomery im Kleiderschrank fand und entsorgte, verschwand auch Tommy’s Mundgeruch.

Obwohl nun auch Quaddel langsam davon überzeugt war, dass von Tommy keine Gefahr mehr ausging, ließ Hans-Werner seine Familie weiterhin im Dunkeln. Er fand immer noch frische Katzenscheiße auf seiner Fußmatte und die feine, von Louis Vitton gefertigte Grillabdeckhaube, war ebenso immer noch mit frischer Katzenpisse besudelt wie es eigentlich nur Tommy hinbekam. Dass der Katzendreck nur von dem Drecksvieh stammen konnte, wusste er. Denn für dessen Hinterlassenschaften hatte er über die Jahre hinweg eine sensible Zunge entwickeln können und entfernte daher regemäßig diese Ausscheidungen mit derselben.

Irgendwann wunderte sich, bis auf Hans-Werner, niemand mehr über die ausbleibenden sadistischen Angriffe. Ein höheres Wesen oder die Verbandsgemeinde hätte sie nach jahrelangem Terror endlich erlöst, so die Vermutung von Matruschka, Quaddel und Jaqueline. Die Albträume ließen langsam nach und man konnte sogar dreimal täglich gegrillte Erdbeeren genießen ohne dass Tommy heimlich Wurstwasser in die süße Soße goss. Kurz, es begann ein neues, schönes Leben für die arme, gebeutelte Familie. Bis eines schönen Tags die völlig verblödete aber vegane Jaqueline eine Anzeige im Blättchen las: „Das Tierheim informiert und bittet um Mithilfe: Entlaufener Kater sucht ein neues Zuhause.“…

Anmerkung des Autors:
Von Tommy wurde, aus Gründen, nie ein Foto angefertigt. Nach Rücksprache mit Herrn Samenström kommt aber das folgende Vieh auf meiner Kutte, seinem Aussehen sehr nahe:

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