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Verlorengegangene Natur

Endlich Feierabend! Die Businessklamotten weggeworfen, die Hände sind ordentlich gewaschen, die Füße nicht. Ich denke immer noch an die verpasste Gelegenheit. Denn vom Businesspark-Bürogebäude hingen eisschwere Spinnenweben wie glitzerndes Lametta herab als ob ein Weihnachtshonk mit Prunk und Gloria sein Heim schmücken wollte. Es war verwunderlich, so als ob man das reine Leben plötzlich – eiskalt erwischt hätte. Als ob niemand mehr Zeit gehabt hätte die Flucht zu ergreifen, hingen kaltgefrostet die kleinen Künstler noch dran. Ich hatte meine Cam nicht dabei dies einmalige Schauspiel vor bunter aufgehender Sonne festzuhalten.

So sitze ich jetzt hier im Wozi mit einem Drink und ein paar schnell zubereiteten Snacks am Tisch und lasse mich von „Bares für Rares“ berieseln. Wie üblich lasse ich den Tag Revue passieren und kann immer noch nicht das Firmentelefon, jetzt in Version 7, lassen. Der Tabakbeutel ist auch offen, denn der Inhalt ist seltsam frisch, irgendwie zu doof zum Drehen. Ein halbgefressener Schokipudding steht auch noch da während der Horst Kleinoden zum Besten gibt. Ich freue mich schon auf das Wochenende. Wie immer, selbstredend. Doch dieses Wochenende wird was ganz besonderes. Erst am Samstag für die Knochenmühle schuften, dann am Mittag ein neues Zuhause besichtigen. Das wird schon bestimmt, ganz ehrlich, ganz toll. Doch der Sonntag wird besser. Ich soll nämlich mitten in einem Fluss parken um dann fußläufig selbstgemachte türkische Speisen zu verkosten. Es ginge um Wale und grandiose Natur. Es ginge um eine liebe Gastgeberin die ich lange Zeit nicht mehr sah. Bei letzterem ist meine Freude groß, was Jetzige nicht ganz nachvollziehbar fand.

Ich schweife ab.

Ein Einwegtaschentuch vor mir auf dem Tisch ausgebreitet, meine Fingernägel sammeln in den letzten Tagen immer mehr Blut, nahm ich mein Kosmetiktäschen und schnitt mir die Fingernägel. Es wurde Zeit. Es waren zehn Nägel zu schneiden und wenn Sie mich kennen wissen Sie dass es lustig aussieht wenn ich das tue. Denn die rechten fünfe gehen gar nicht. Aber egal und weiter im Schneidetakt: Erst die nicht-hübsche Hand wo das noch funktioniert. Dann die andere Hand.. Am Ende schaute ich auf das Taschentuch und zählte nach. Ich fand 6 abgeschnittene, stinkende, blutverkrustete Nägel. Es sollten aber 10 sein. Ich schaue so rum – die Snackschalen, der offene Pudding, der Drink, das Paket mit den grade angelieferten neuen Klamotten – ich fand die anderen 4 nicht – mehr.

Tja. So gehen die Teile von Dir dahin. Verschwunden und nimmer dar. Meine Oma hat, hätte heute Ihren Geburtstag. Ich liebte sie, sie liebte mich. Sie ist nicht mehr da um mir zu sagen: „Johannes, achte auf Deine Fingernägel. Du möchtest doch auch mal ein Mädel haben – wir achten darauf.“. Die Süße.

Wussten Sie schon dass ich bald aus meiner Muckelbude ausziehen muss? Und wussten Sie auch dass unter meinem Wozi-Tisch ein grobfloriger, schwarzer Flokati-Teppich liegt? Ich bin ja schon gespannt was da nach dem Umzug ans Tageslicht kommt. Sicher könnten diverse Verbrechen aufgeklärt werden. Denn ich höre immer noch ein leises Jammern, Stöhnen und Gewinsel im Teppich der Leute die sich als Gäste nicht recht und adäquat benommen haben. Aber wenigstens verhungern die nicht. Haben ja was zu knabbern.

Guten Appe!

Tennissockentee

Wussten Sie schon dass ich ein Faible für Fremdsprachen, außer Deutsch, habe? Ich verließ gestern die Knochenmühle und brüllte noch durch das Treppenhaus „I CALL IT A DAY!“. Für mich übersetzt heißt das: „Das nenne ich mal einen Tag.“. Falls hier ein Fremdsprachenkorrespondent mitliest: Da liegen sie jetzt flach, gelle?

Jedenfalls hatte ich gestern das sogenannte „Mid-Year-Review“ zusammen mit meinem „Scheffe“. Als Vorbereitung stellte ich einige Tage vor dem Termin auf stur. Während des Reviews stellte ich den Modus nicht ab. Auch nicht als wir uns brüllend gegenüber standen. Bevor er seine geballten Fäuste aus seiner halbseidenen Anzughose bekam, kam ich mir sehr klug vor alsbald sein Büro zu verlassen – nicht ohne noch auf seinen Perser zu kotzen – der wartend draußen vor der Tür stand.

Wohl- und frohgemut war das auch mal wieder erledigt. Glücklich seufzend verließ ich die Knochenmühle, draußen noch hell, nicht bevor ich noch ein paar Mid-Term-Planning (MTP)-Zahlen für der Herrschaften auf dem Teilpunkt (Sharepoint) bereitgestellt zu haben. Das Elsternest war leer, die beiden angehenden Eltern verlustierten sich komisch quickend auf dem Rasen.

Daheim wollte ich erstmal mit einer schönen Tasse Tee auf der Couch entspannen. Die Tasse ist schön, ich hoffte der Tee wird ebenso – obwohl… der Magen sieht es ja nicht. Jedenfalls bemerkte ich ein wiederholtes Mal positiv dass der Zettel nicht mehr mit einer Metallklammer am Faden befestigt ist sondern an ebendiesen schön handwerklich geknüpft ist – was mich an Frau Trautenheim erinnerte. Meine damalige Handarbeitslehrerin die mir beibrachte wie man Makrameeeulen herstellt – mit Seele und Gefühl. Einige von den Biestern sind wohl jetzt noch im Rheinland flügge.

Tennissockentee_IMG_7138Zurück zum Tee. Das Wasser kochte grade mit der richtigen Temperatur, alles parat, am Schluss also nur noch den Timer auf 8 Minuten stellen und abwarten. Nach gefühlten drölf Minuten piepste das Ding immer noch nicht. Ich ächzte von der Couch auf und sah nach. Und sah, ich Depp, ich vergaß den Timer zu starten. Scheiße! Aber egal, wie lange das Zeug zieht oder nicht, wir sind ja hier nicht bei den Inselaffen. Dann sah ich dass in der Tasse der Beutel trocken hing. Ich vergaß also beides, Timer und Wasser. Scheiße! Alles nachgeholt und flugs nach acht Minuten piepste es endlich und lechzte nach dem Tee. Ging hin, machte dem verdammten Piepen den Garaus und freute mich auf den Tee, um sehen zu müssen dass immer noch kein Wasser in der Tasse war. Der bis jetzt trockene Beutelarschloch kam mir vor als ob er mich schadenfroh angrinst. Jetzt alles noch mal von vorne und leise, laut vor mir hinsagend wie man eine Tasse Tee zubereitet – kam ich nach dreimal 8 Minuten in den Genuss einer Tasse Tee nicht um noch schnell den Teebeutel an die Wand zu klatschen wo er über seine Sünden nachdenken kann. Was ein Tag!

Tennissockentee_IMG_7137Ich bin ja überoptimiert. Es ist ja nicht so dass ich in den dreimal 8 Minuten faulenzen würde. In den ersten drölf Minuten fing ich an meine Fingernägel zu schneiden. Die Finger meiner rechten Hand zu schneiden ist? Scheiße! Bei den zweiten 8 Minuten begann ich die gelb-schwarz-braunen Schaufeln meiner Zehen abzusäbeln. Dem Geruch nach zu urteilen, relativ erfolgreich. Bei den letzten 8 Minuten schnitt ich weiter, es erschien mir noch nicht kurz genug. Der Tee war da, meine Zehen bluteten. Einmal kürzen hätte wohl gereicht. Da ich ja nicht dumm bin (nicht?), besorgte ich mir in der Hausapotheke eine entsprechende Anzahl von Pflastern mit denen ich meine Zehen ver-, tja, verpflasterte. Denn nichts ist unschöner als wenn am nächsten Tag in der Knochenmühle das Blut durch die Tennissocken sifft. Denn, morgen habe ich Lust auf Sandalen. Das Wetter ist ja so danach. Nicht wahr?

Tennissockentee_IMG_7139Sie fragen sich sicher was mal wieder die Bildchen sollen. Ich kläre gerne auf. Seit Ostern habe ich drei neue Mitbewohner. Der kleine, dumme Hasi knabbert wie blöd an seiner Möhre während er sich wünscht es wäre der würzige Nagel eines meiner dicken Zehen. Das devote und überaus masochistische Schäfchen freute sich schon anstatt des Teebeutels aufgebrüht zu werden. Und die fette Goldhasensau da, der Name ist, ich korrigiere – war: „Osterzauber“.

Schönen Feierabend!