Archiv für den Tag: 12. Oktober 2016

Pflichtbewusst hin und her

Es ist früh. Sehr früh für mich. Der Wasserdampf der schnaufenden Lok hüllt das Bahngleis in unwirklichem Nebel und lässt sich als sanftem Nieselregel auf die Köpfe der Wartenden nieder. Alle wissen, der Zug fährt erst in 30 Minuten los und so lange ächzt und stöhnt die Dampfmaschine, hier und da klirrt es wenn der Zugverantwortliche mit seinem Riesen Schraubenschlüssel mal an diese Bremse, mal an dieses Rad klopft. Gelassen und gewissenhaft geht er den Zug erst von vorne links nach hinten dann von hinten rechts nach vorne ab und klopft und prüft. Alles zum Wohle der Fahrgäste. Angenehm entspannt schließe ich das Schiebefenster, mein geflickter Seesack liegt oben im Gitter, überdrüssig dem Treiben auf dem Bahnsteig zuzusehen lasse ich erst die Kippe auf den Bahnsteig dann mich in die Polster fallen. Die Augen fallen zu.

Euskirchen. Die Gegend in der ich lange weit vor meiner Grundausbildung mein Unwesen trieb. Mal schwarz, mal bunt. Aber immer mit Kajal. Freundschaften, wir Jungs und Mädels trieben und probierten alles. Wir konnten das damals, sehr zum Verdruss. Der Erwachsenen. Nicht wissend wo uns Wind und Wetter des Lebens hintreibt. Wir nutzten die einzigartige Gelegenheit Jung zu sein, manchmal bis zum Erbrechen.

Bonn. Auf dem Venusberg in einem Saal voller jungen Studenten aus dem Bauch geschnitten. Aufgewachsen – meine Oma war da. Geliebt und gelebt. Physik, Philosophie und Medizin studiert. Aber im Grunde gelebt und mit allem und uns Unbedarfte gefeiert. Aber auch meine erste Ausbildung, ich sage mal so, das Lederhandwerk habe renommiert erlernt. In dieser Zeit ergab es sich also..

Sekundenschlaf, ich schrecke plötzlich auf. Stehe auf und schaue erleichtert aus dem Fenster. Puh, der Zug ist noch nicht abgefahren, wir stehen immer noch in Euskirchen. Ich bin nämlich am Wochenende in EU versackt und musste Montagfrüh nach BN zum Job. Mit einem Lächeln ließ ich mich wieder in die Sitze fallen um direkt in süße Träume von Nazi-Jagen, Schaufensterscheiben einwerfen und kafkaeske Gespräche an alten, stabilen mit Brandlöchern versehenen Holztischen zu fallen. Meine Monatsauszubildendenfahrkarte auf dem kleinen Tischchen über dem Drecksaschenbecher in dem ich meine letzte Tuborg-Dose gekrumpelt hatte war Ausweis genug für die Kontrollettis und lies mich ruhig schlafen. Irgendwann rüttelt jemand an meinen Schultern ich bekomme es nur halb mit. Höre nur was von „dues“, „dues“ und mir klingt das Lied „düse.. im Sauseschritt..“ im Ohr. Friede, Stille weiterhin.

Ich wache auf wie nach einem langem entspannten Schlaf, stehe erfrischt auf und schaue aus dem Fenster. Der Zug steht mal wieder. Schaue raus nach rechts, nach links und sehe das Bahnhofsschild. EUSKIRCHEN! What the fuck! Und schaue auf meine Armbanduhr die fehlt. Schaue auf die Bahnhofsuhr: 12:30 Uhr! Schaue auf meine Füße, die Schuhe und eine Socke fehlt. Mein Seesack ist weg. Denke an meine Ausbildungsstätte bei der ich um 8:30 Uhr hätte in Bonn erscheinen müssen. Oh, ich junger armer Tropf! In Zeiten wo es keine Mobiltelefone gab, sah ich wenige Möglichkeiten dem Ausbildungsbetrieb einen vorzulügen. Hätte ich auch nicht machen können wie ich später erfuhr.

Ausgeschlafen war ich mit einem gewissen Adrenalinspiegel. Wundersamerweise lagen meine Doc Martins verteilt in zwei entfernten Wagons. Eine Ringelsocke fand ich irgendwo. Meine Monatskarte lag noch da wo sie lag, soviel Anstand hatten die Leute. Mit relativ viel Brand wuchtete ich meinen Sack runter und trank erstmal eine Dose Bier auf ex. Danach konnte ich in Ruhe überlegen was meine Situation ist.

Wie folgt. Ich fuhr wohl stundenlang von Endstation zu Endstation hin und her und muss mich wohl im Rausch meiner Klamotten entledigt haben und, wie ich hinterher mal erfuhr, mich mit allen Fahrgästen verbrüdern wollen. Dazu auch meine Ausbilderin im Betrieb (Sie stieg immer in Bonn-Duesdorf zu), die blöde Petze, die mich das erste Mal bei der pünktlichen Ankunft im Bonner Hauptbahnhof zwar gesehen/erlebt hat, aber mich nicht geweckt und mich nicht in den Laden getragen hat. Die Sau da!

Am nächsten Tag musste ich zum Chef. Dem Junior-Chef. Menno, war mir das peinlich, ich drohte hinter meinem Rücken der besagten Erstverkäuferin mit der Faust, und der kleine, dünne Junior entgegnete meinem „Scheiß druff“ mit „Jetzt aber zum Senior-Chef!“. So saß ich da vor dem verknöcherten Alten der immer mit den Armen auf dem Rücken verschränkt durch den Laden läuft, leises Volksweisen durch seine prekären Zähnen pfiff und der den Laden schon seit 1792 führt. Saß ich da. Vor ihm. Und wünschte mir eine Dose Bier herbei. Und er schwieg zunächst. Lange. Und immer noch und blickt mich mit seinen alten, wässrigen blauen Augen an. Nicht vor Angst, sondern wegen Magen-/Darmproblemen hatte ich aus Gründen schon eingeschissen, setzt er mit verrunzelten Augenbrauen an: „..“. Ich so: „Ja?“ Er fasst sich an die Brust, schaut immer noch so streng und gleichzeitig liebevoll: „Herr Schirrmi, da hatten Sie aber einen Ritt! Das mir das nicht noch mal vorkommt!“ und entlässt mich zurück in den Laden. Feixend steht da die Chefdame, die dumme, blöde Petze und freut sich über meinen vermeintlichen Einlauf, ich gehe auf sie zu und sage: „Das nächste Mal…“

Darf‘s ein bissel mehr sein?

„Vierzehn Tage mal schön weg und nur Zeit für Sie?“ Der kleine, attraktive Herr Doktor schaute mich mit seinen braunen Rehaugen über seinen geschäftigen Schreibtisch fragend an „Oder haben Sie etwas Wichtiges im Geschäft zu tun?“ Ich: „Passt schon!“

Was mich aber wunderte. Er legte mir den gelben Schein sowie noch zwei Rezepte hin, lächelt mich an und fragt: „Und, Herr Schirrmi?“ „Brauchen Sie sonst noch so Medikamente?“ Leute, da wäre ich ja beinahe vom Hocker gefallen. Ihr glaubt nicht was mir da alles so durch den Kopf ging. Ich kramte in den grauen Hirnwindungen, griff mir an die Gesäßtaschen, die Jackeninnentaschen, vorne die Westentaschen jedoch, ich fand grade meinen Medikamenten-/Drogenwunschzettel auf die Schnelle nicht. So konnte ich nur antworten „Ähm, so auf die Schnelle fällt mir nichts ein..“ Der hätte mich ja auch auf die Frage vorbereiten können. Vorwurfsvoll: „Herr Doktor, das hätten Sie mir mal vorher sagen können dass ich ein Wunschkonzert erhalte. Da hätte ich mal vorher gegoogelt.“

Sei es drum. Verpasst. Ich nagelte ihn aber fest und ich käme beim nächsten Besuch überaus gerne auf sein Angebot zurück.

P.S.: Genau nach den Vierzehn Tagen kam ich wieder zur Konsultation. Ich zog mich nackig zur Begutachtung aus und wie diese Mediziner machen: „Hmh, hmh, grummel, jaja, aha, soso..“ Ich, spielte ein wenig mit meinen Gesäßmuskeln: „Kann ich aufhören mich zu drehen wie eine nackige Ballerina?“ Er: „Ja klar, wir wissen jetzt woran es liegt. Immer wenn Sie nicht ins Büro müssen, geht es Ihnen besser und die Therapie schlägt an.“ Ich: „Ach!!!“

Hulk hat Wochenende, oder nicht?

Das Laub fällt und die Welt wird bunter. Ein herrlicher Arbeitstag neigt sich dem Ende zu und ich könnte Bäume ausreißen.

Draußen kracht es, meine Arschbacken vibrieren. Normalerweise ist es umgekehrt. Boah, da muss etwas passiert sein denke ich und laufe schnell auf meine überaus großzügige Terrasse und schaue nach. Aha! Der Nachbar beim Baumfällen. Einiges Zeug liegt bei mir rum. Er, mit so einem komischen Ding auf dem Kopp sieht aus wie Mickey Maus und schaut erst orientierungslos um sich als ich ihn anbrülle. Nach fortgesetzten Brüllen, er hat da wirklich richtig die Buchen abgeholzt, bemerkt er mich endlich und ich konnte im normalen Ton sagen:
„Einen schönen guten Tag, Herr Nachbar! Was machen Sie denn da?“
Er: „Der Baum ist in die falsche Richtung gefallen. Sorry!“
Ich: „Tja..“
Er: „Sie haben nicht noch zufällig eine Kettensäge da? Meine hat den Geist aufgegeben.“
Ich: „Doch schon, nur schon länger nicht mehr im Gebrauch. Sie müssten erst das festgebackene Blut, die Knochenspänen und die Hirnreste entfernen.“
Er: „Naja, ich schau erstmal selber. Danke und Tschüss auch..“ und verdrückte sich schnell, die feige Sau!

Schön ist es heute gewesen. Hatte nämlich neue Klamotten an. Passend zur Jahreszeit. Die Tage machte mir nämlich mein Lieblingskollege, der Rote, ein Kompliment. „Hey Schirrmi, sag mal, bist Du weiß geworden? Da an den Seiten, Dein Bart?“ Voller Stolz dass mein biblisches Alter endlich mal wahrgenommen wird shoppte ich im Internet und erstand ein feines Oberhemd gewebt aus ägyptischer Baumwolle, erdtönerne Farben und großkariertem Muster. Dazu einen feinen Merinopullover mit Pfauausschnitt in dunkelbraun. Die schöne, bequem geschnittene tannengrüne Cordhose mit französischen Taschen und Bundfalten komplettierte das neue Outfit. Kennen Sie das? Neue Klamotten, man gönnt sich was, man fühlt sich schick – man ist ein ganz anderer Mensch. Ein ganz anderes Lebensgefühl. Toll!

So fanden das auch meine Arbeitskollegen. Sie schauten mich schon morgens an. Den ganzen Tag fühlte ich ihre wohlwollenden und, wie ich meine, neidischen Blicke auf mir ruhen. Das gab mir Auftrieb und stärkte mein Selbstwertgefühl. So sehr dass ich langsam noch über einen Filzhut nachdenke, mit braunem Lederschweißband und selbstgerupfter Eichelhäherfeder. Ein wundervoller Tag! Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber lassen Sie mich doch auch mal!

So stolzierte ich mit ebenfalls neuen, dunkelbraunen Wildlederschuhen die Büroflure auf und ab. Ging immer mal wieder in die Büros der Kollegen um Fachgespräche zu führen aber ehrlich gesagt nur als Vorwand. Denn eigentlich nur um mich bewundern zu lassen. Öfters mal in der Kaffeeküche gewesen damit mich auch die Kollegen aus den anderen Abteilungen sehen. Mein neues Outfit, echt geil. Diese Herbsttöne. Dieses beruhigende. Dieses Fachkompetenz ausstrahlende gesetzte. Ja, so tanzt mir keiner mehr auf der Nase rum. Zusammen mit meinen weißen Haaren, ich war am Wochenende beim Frisör, eine überaus stattliche Erscheinung, möchte ich meinen.

Bis ich dann vor der Tür war um eine zu rauchen. Die zwei Auszubildenden im letzten Lehrjahr starrten mich an und riefen im Chor „Schirrmi, wie siehst Du denn aus?“ Das ginge ja gar nicht. Würde mich so alt machen. Und überhaupt ob ich in letzter Zeit zu oft in der Muckibude sei. Ich hob meine Hand zur Kippe um sie anzuzünden und krrrr, riss der teure Merinopullover unter den Achseln. Das Scheißteil! Ich ärgerte mich und riss kurzerhand den Pullover auseinander und mir vom Leib. Die Mädels schauten so doof dass ich mich noch mehr ärgerte und riss mir auch das neue Hemd herunter. So stand ich furchtbar grimmig guckend in meiner grünen Hose in unserem Büropark, die Kippe noch in der Fresse und drehte und wendete mich fürchterlich auf der Suche nach Dingen die ich zusammenkloppen konnte.

Damit muss man erstmal zurechtkommen. Aber zum Glück ist ja jetzt Wochenende. Da kann ich mich abreagieren. Wie? Was? Noch kein Wochenende? Scheißendreck!