Die verschissene Sucht

Endlich Feierabend! Den Arbeitstag vergessen, die Knochenmühlenklamotten gegen etwas gemütlicheres getauscht, die Mucke aufgedreht und den Kindle aufgeklappt – so begann mein wohlverdienter, geruhsamer Abend. Bis ich merkte, dass ich meinen Tabaksbeutel in der Firma vergessen hatte.

Aber das war kein Problem für mich. Zunächst. Denn wenn nichts zum Rauchen da ist, dann ist halt nichts da und ich verzichte. Was gewöhnlich für mich nicht schlimm ist. Denn die alten Zeiten sind vorbei, und man hat sich auch an längere Passagen des Nichtrauchens gewöhnt. Denken Sie nur an Kneipenbesuche. Kneipen, die nicht mehr so unsäglich stinken. Oder schlicht ein Transatlantikflug in mein Traumland, die göttlichen, liebevollen, friedliebenden und treusorgenden USA. Und vieles mehr, wo man nicht raucht und man eben nicht dadurch einen schrecklichen, plötzlichen Nichtrauchertod erleiden muss.

Soweit mein Wille. Doch das Fleisch schwächelte im Laufe des Abends. Aus meinem Küchenfenster kann ich direkt auf der anderen Straßenseite einen Ziggi-Automat sehen. Kannte ich noch von früher. Hin, Geld rein, Kippen raus, Weg. So einfach hatte ich es in Erinnerung als ich noch „Aktive“ zu mir nahm. So einfach wurde es aber nicht, wie Sie sich vielleicht denken mögen. Denn wenn es einfach gewesen wäre, würde ich hier nicht meine alten, vernarbten Fingerkuppen malträtieren. Kurz, die Sucht rief immer stärker und ich stahl meiner Brut ein paar Euros aus der Spardose.

Um es einfach zu machen, präsentiere ich Ihnen hier ein Foto vom „Corpus Delicti“. Denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte – so sagt man.

Neu an diesem Automaten ist lediglich der Altersnachweis. Sollte machbar sein, zumal ja eine Beschreibung in Form eines Aufklebers angebracht war. Hier noch mal besser sichtbar:

Was mir hier fehlte war der Schritt, wann man die Sortentaste drücken soll. Also ob man entweder Reval, Rote Hand, oder Schwarzer Afgane haben will – setzen Sie hier Ihre Lieblingsmarke ein. Man muss also drei Dinge tun: Altersnachweis, bezahlen und die gewünschten Kippen wählen. Die Reihenfolge ist aber nicht klar beschrieben. Denn so hat man rechnerisch 2 hoch 3 Kombinationen welche Reihenfolge die richtige wäre. Also 8 Kombinationen. Im weiteren Verlauf merkte ich, dass der Vorgang noch komplexer werden würde. Denn es waren als Altersnachweis der Perso, der Lappen und eine EC-Karte angegeben. Das erhöhte die Komplexität leider auf 2 hoch 5, nämlich 32 Kombinationen. Wenn man dann zwischendurch eine weitere Variable hat, wie es war, dass manche Geldstücke einfach durchfallen und dann im Display die Meldung kommt: „Vorgang abgebrochen“, dann haben wir 2 hoch 6, gleich 64 mögliche Versuche. So vereinfacht ausgedrückt. Ich müsste eigentlich noch die Wahrscheinlichkeitsrechnung hinzufügen. Mache ich aber nicht. Machen Sie das, wenn Sie unbedingt mögen.

Während ich da so stand in dem Versuch dem Mistding ein paar Kippen zu entlocken, kam die lokal berühmt und berüchtigte „Zauberfee“ an. Sie stellte sich neben mich und fragte eilig aber frech: „Wenn Sie gleich Ziggis haben, darf ich dann eine davon haben?“. Ganz Gentleman antwortete ich: „Aber sicher doch, schöne Frau!“ und mir wurde ganz anders als ich das aussprach. Ganz schlecht und mies. Nein, schlimmer noch. Mir ging es in dem Moment sowas von dreckig und verfluchte mein Leben, dass diese Dame nun neben mir stand und mich sogar ansprach. „Hihi, haha, toll!“ antwortete die Schnepfe.

Ich muss ein wenig ausholen. Diese „Frau“ ist weit über die Kreisstadt bekannt. Sie ist ungefähr 165 cm groß und wiegt, tja, wie soll ich sagen…, vielleicht 20 kg. So dürre, mit einem so ungesunden Äußeren, die widerlichen Haare, die nur noch zart vorhandene Haut, die ihre Knochen nur notdürftig bespannt, ihre Drecksklamotten die wohl seit 800 Jahren nur zum enger nähen mal ausgezogen wurden, und der Atemgeruch. Furchtbar! Sehr, sehr schlimm. So stand sie neben mir vor dem Kackautomat und gab mir Tipps was ich noch probieren sollte. Sie wollte dann auch selbst mal probieren und fragte mich, mit ihren ekligen, stinkigen Hexenfingern, ob sie meine Karten und das Geld mal haben dürfte. Brrrr….!!!! „Nö.“ konnte ich nur noch schmallippig rauspressen während ich merkte wie aus den hinteren Häusern meine Nachbarn die Szene beobachten. Kennen Sie das? Das man Blicke fühlen kann? Ohne sie zu sehen? Wahrscheinlich auch um Fotos zu machen damit ich zusammen mit diesem „Ding“ als Aufmacher in der Lokalpresse lande.

Ich hatte mich schon einigermaßen durch die möglichen Kombinationen gearbeitet und kannte alle möglichen Display-Meldungen fast auswendig. Wie z.B.: „Altersnachweis fehlgeschlagen.“, „Wählen Sie eine Sorte.“, „Ungültige Eingabe.“, „Ungenügender Betrag.“. Jede Meldung gefolgt von „Vorgang abgebrochen!“. Mit der Zeit fing dieses schreckliche „Wesen“ neben mir an zu tänzeln. Sie tippelte und trippelte auf dem Stand. Später fing es an zu zittern, zu hüpfen und zu springen während ich nach vorne auf den Automaten starrte und alle meine Zen-Kenntnisse in Erinnerung brachte, um dort nicht hinblicken zu müssen. Schwer, Leute. Das war unglaublich schwer ruhig zu bleiben – denn irgendwas passierte da mit diesem Vieh neben mir. Kurz darauf, ich ging gedanklich bereits das dritte Mal die unregelmäßigen Verben des afrikanischen Suaheli durch, fing es an zu stinken. WIE DIE PEST! Falls es eine Hölle gibt, so ungefähr muss es da riechen. Mir fiel binnen Sekundenbruchteilen der Riechkolben aus dem Gesicht und mein Erbsenhirn packte spontan seinen Rucksack und verließ fluchtartig seine große Höhle. Dieser bestialische Gestank kam über mich wie ein Giftgasangriff, wie damals als ich in den Schützengräben als immer gut gelaunte Frohnatur für Stimmung sorgte. Dieser Höllenhauch, dieser entsetzliche Gestank legte sich zeitgleich auch auf meine Zunge, in meinen Mund und auf die Augäpfel. Sogar meine Rosette zog sich in einem Maße zusammen, wie es noch nicht mal, wie damals in dieser Kölner Kneipe war. Es war zum Sterben!

Kurz: Während ich versuchte die Technik zu besiegen – hatte sich das Hexenvieh neben mir fürchterlich eingeschissen und eingepisst. Dazu lief ihr wohl auch noch die alte, ranzige Fotzensoße den dürren Knochenbeinen runter. Plötzlich verließ sie eilig die Örtlichkeit, die nie wieder so sein wird wie sie mal war, mit den Worten: „Ich muss weg!“.

Oh, oh, ohjeh. Mineh!

P.S.: Meine Psychiaterin hat spontan Selbstmord begangen als ich ihr diese Geschichte und von meinen Gefühlen berichtete. Jetzt bin ich überregional auf einer „Bannliste“ gelandet und muss mir selbst helfen. Vielleicht hilft es ja, wenn ich diese „Erfahrung“ mit Ihnen teile? Ich hoffe Sie sehen jetzt Ziggi-Automaten genauso wie ich. Und riechen Sie. Denken Sie über meine Geschichte nach, wenn Sie vor so einem Mistding stehen. Nehmen Sie sich Klammern mit, wenn Sie der Sucht nicht nachgeben können. Ein Gummiknüppel oder Todschläger wäre auch hilfreich. Pfefferspray. Was weiß ich denn?

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