New Model Army – Weihnachtskonzert 2015

„Frohe Weihnachten!“ brüllt da jemand. Und: „Aber ich mache weiter auf Englisch, so wie ihr mich kennt.“ Die Weihnachtswünsche von Justin Sullivan wurden von ca. 3000 grandios gutgelaunten NMA-Familienmitgliedern dankbar entgegengenommen und gaben diese mit ebenso so viel Herz und Zuneigung zurück.

Es war mal wieder soweit. Das Ende des Jahres wird mit New Model Army eingeleitet. Das schon seit vielen Jahren im Palladium/Köln stattfindende Weihnachtskonzert – eingeladen wurden „Friends“. Mit „Friends“ sind wir alle gemeint, und ich und meine lieben Begleiter, dieses Jahr wieder mit L., sowie alle anderen die von Rautenpolitik und Unmenschlichkeit genug haben und mit offenen Herzen und Augen das vergangene Jahr Revue und das kommende Jahr kritisch begrüßen wollen.

Comp_IMG_6607_NewModelArmy2015_Dieses Jahr lernte ich „Radio Havanna“ und „The Godfathers“ kennen. Die deutsche Punkband „Radio Havanna“ brüllten uns eindringlich und gut gelaunt die verkommene Flüchtlingsmoral in die doch so oft egoistischen Herzen, lärmten und öffneten die Augen über die Ausbeuterei der Menschen von einigen wenigen und dem widerlichen Gefälle von Arm und Reich.

„The Godfathers“ kannte ich ebenso wenig. Ein bisschen befremdlich war mir der Leadsänger. Die L. nannte ihn unsympathisch. Jedoch war die Stimme des älteren Herrn sehr eindrucksvoll – er kam mir vor als ob er als Diener dem Schwank „Dinner for One“ entsprungen wäre. Das aber nur rein optisch. Seine Stimme – reinster Punk! Großartig! Gut, Entertainer wird er in seinem Alter sicher nicht mehr. Und die Herzen des Publikums auf seine Seite ziehen, in einer Art und Weise wie es galantere Herren machen, gelingt ihm sicher auch nicht mehr. Dennoch – die Stimme, die Texte! Wenn wir vorher die Kleinen (Punkpraktikanten) sahen, erlebten wir mit „The Godfathers“ die Großen. Und kein klein wenig leiser, und viel heiserer – als die Jungen.

Ich schweife ab, nämlich von New Model Army. Aber bevor ich von Justin und seine Gesellen sowie uns, den Friends zu sprechen beginne – noch ein paar Outtakes.

Obwohl ich kein verschissenes Gilden-Kölsch trank, musste ich mal pissen gehen. Wir standen an der Rinne und hörten jemanden reinstürzen, die Klotür knallte und schon spritzte, sprattelte, stöhnte, heulte ein Unerkannter in unausgewogener Kotzwut die Bude voll. (Ich möchte euch in Erinnerung bringen: Location Köln!) Also, meine Mitpisser an der Rinne hörten auf mir auf den Penis zu gucken – was ich still und dankbar registrierte. Ich rief dann ein paar beruhigende Worte zu dem armen Tropf, wie: „Wir waren ja alle mal jung gewesen!“. Und dann: „So schlecht war die Musik aber doch auch nicht.“ – brüllte der Nebenpisser.

„Ey, Deine Kutte, Alter…“ sagt jemand zu mir im nicht so großzügigen Raucherbereich des Palladiums. „Ich bin halt Retro.“ erwiderte ich. „Ey, ich auch, Alter!“ „Neunundsechziger Baujahr“ hauchte sie mit versoffener Stimme. Während also L. Pipi machte und den Auftrag hatte mir geistige Getränke zu besorgen, lernte ich Iris kennen. „Pauli“ sagte sie zu mir. „Nee, Johannes.“ erwiderte ich. „Was?“ Ich: „Wie was?“. Es stellte sich im weiteren Gespräch heraus dass Sie in St. Pauli wohnt – da wohl irgendwo bei Hamburg oder so. Und ihr Hund wäre noch im Auto. Und so. Und das Wohnmobil leider nicht dabei, und so. Gras wäre auch schon knapp. Aber „Ey Alter, ist das nicht geil?!“. „Was?“ fragte ich. „Gleiches Alter, Gras, leider kein Glas (Becher), 69 und sie hätte ja auch eine Bekannte aus dem Westerwald, blub“. Ich so: „Mein Beileid.“ Kussi hin, Drücker her – ich setzte noch nach: „Haste dem Köter wenigstens ein paar Kekse in der Karre gelassen?“ Bevor sie antworten konnte kam L. mit meiner Cola an und ich stellte charmant vor: „L. –I., I. –L.“ I lief daraufhin plötzlich weg als ob sie die süße Ratte in ihren Haaren bemerkt hätte und ich rief noch zart hinterher: „Vielleicht sehen wir uns mal wieder in Ham…, ähm, in Pauli, ähhh….“ Da war sie schon wieder weg – leisen Nordduft hinterlassend.

Ich schweife ab.

New Model Army. 18h Uhr Einlass. 19h gingen die Hallentüren auf. Meine Prognose war: „Radio Havanna“ bis 21h, „The Godfathers“ bis 22h. Dann irgendwann NMA mit Ende 0h. So war es dann auch – resümiere ich grade als der – der Schirrmi.Prophet.World

New Model Army kommt auf die Bühne und macht sich locker mit ein zwei, drei Songs die ich nicht kenne. Wohl aus einem neuen Album das ich nicht kenne. Tausende Menschen sangen mit, ich nippte an meinem Becher Rotwein während ich den Hüftschwung des Mädels vor mir begutachtete. Den gewöhnlich strengen Blick von Justin kann man ertragen – muss man aber nicht. Gibt Hübscheres. Nach den üblichen drei Fotografen-Songs wurden wir überaus sympathisch von Justin persönlich begrüßt: „Schön euch zu sehen. Schön wieder hier in Cologne zu sein. Danke dass ihr da seid!“ So, jetzt konnte Weihnachtsfeier beginnen!

Man sieht es ihm an. Man fühlt mit. Wie er es ernst meint. Man sieht es uns an wie wir es ernst meinen. Wir fühlen mit. Gemeinsam träumen wir einen Traum. Eine bessere Welt. Menschen die Menschen sein dürfen. Ohne Knechtschaft, ohne oben und unten. Mitgefühl mit den Armen, gemeinsam für eine bessere Welt. So ist es wie immer. Wenn nur ein Saatkorn davon Fruchtbarkeit tragen würde, könnte daraus eine Bewegung entstehen. Und so kämpft Justin – New Model Army, schon seit vielen Jahren und ich bin mir sicher, wir, die wir immer wieder hier sind, werden ein kleines Stück dazu beitragen dass es weniger schlimm wird. Da bin ich mir sicher.

Aufwühlend, zornig, manchmal traurig – so kennen wir ihn. Gänsehaut hatte ich als er solo und a capella eindringlich plädierte für… Ja wofür? Ich habe nicht auf den Song gehört. Er war für mich so bestimmend, so präsent und eindeutig dass sich meine Gedanken der Endlichkeit befreiten – ich war hin und weg. Geflasht! Die Botschaft fühlte ich ohne die Worte zu verstehen.

Ich kenne ihn schon so lange. Er kennt mich ja auch schon persönlich (anderes Thema). Diesmal hatte ich die halbnackten Prediger vermisst – oder ich habe sie nicht sehen können. Neben Justin finde ich alle Musiker von New Model Army sehr, sehr geil. Da ist der rothaarige Bassist den ich nie scharf auf ein Foto bekomme weil er sich immer bewegt, da ist der kahlköpfige Gitarrist der vor einigen Jahren noch nicht mit seiner herrlichen, grünen Gitarre klar kam, der Organist und wie ich meine, das musikalische Genie mit wilden Haaren und Herz und der Drummer – den ich leider viel zu selten zu Gesicht bekomme, der aber einen Herztakt vorlegen kann dass es sich gewaschen hat.

Dieses Jahr ohne Streicher, ohne Gedöns – einfach nur NMA. Ich zehre – bis zum nächsten Jahr. Bis dahin versuche ich mich zurückzunehmen, nachzudenken, mitzufühlen. Zornig ja, das muss sein. Auflehnung. Ja!

Wollt Ihr Pics? Hier!

Im Herzen Punk!
Schirrmi

Update #1: der letzte Song war „I love the world“ welches er mit „grade unpassend, aber doch irgendwie immer passend“ kommentierte.

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