Anstaltsalltag

Warum ich so wenig aus meinem Anstaltsalltag berichte, fragen Sie sich? Das liegt darin begründet, dass ich hier „volles Programm“ habe. Alles ist durchgetaktet, wir sind eingeplant, wir funktionieren wie Maschinen im Anstaltseigenen Rhythmus. Alles muss seine Ordnung haben, jede Woche und jeder Tag ist für jeden einzelnen Insassen durchgeplant. Und so ergibt es sich, dass ich in meiner wenigen Freizeit nicht auch noch in den Computerbildschirm starren möchte.

Aber ab und zu mal, so wie jetzt, möchte ich eure Neugierde befriedigen. Vielleicht interessiert es ja dem einen oder anderen wie es mir hier im „Black Forrest“ als Berggeist in der „Schwarzwaldklinik“ so geht. Komischerweise habe ich jetzt um 14:30 Uhr schon frei. Ich sitze hier in der Cafeteria und gönne mir eine Tasse Haak-Kaffee, dazu eine Flasche Cola Light. Die Terrassentür steht auf, der Blick schweift über die grün bewaldeten Berge und – es zieht, verdammt noch mal! Wer lässt denn da immer die Türe auf? Wenn ich direkt nach vorne zum Verkaufstresen des kleinen Kiosks schaue, erblicke ich in einer gekühlten Vitrine Schwarzwälder Torte. Sie lächelt mich bereits seit 2,5 Wochen an. Sie wird doch wohl nicht aus Plastik sein? Aber ich bin stark. Seitdem ich hier bin habe ich noch nichts, aber auch rein gar kein Süßes zu mir genommen. Wenn man nicht den Süßstoff für den leckeren Birne-Vanille-Tee dazu rechnet. Trotzdem, hier in Todtmoos soll es die Konditorei Maier (oder so) geben die nachweislich und prominent in Reiseführern beschrieben, die beste Schwarzwälder Torte des Schwarzwaldes herstellt. So eine werde ich mir auf jeden Fall noch gönnen.

Wussten Sie schon dass ich seit ca. meinem 16. Lebensjahr nicht unerheblich rauche? Und dass ich noch nie einen Versuch gemacht hatte damit aufzuhören? Und jetzt kommt es, mit Antritt in dieser Anstalt am 29. Mai, habe ich keine Ziggi mehr genossen. Und ich habe vor das es so bleibt. Habe noch nicht mal Entzugserscheinungen, so kann es weitergehen als Nichtraucher. Dass ich seitdem auch kein Alkohol mehr getrunken habe ist einem Vorsatz geschuldet. Ich freue mich schon auf ein Gläschen wenn die vier Wochen vorbei sind.

Jeder Insasse hat im Speisesaal seinen festen Esstisch und –platz. Auf jedem Tisch liegt eine Liste in der sich jeder der fünf Tischgäste zu jeder Mahlzeit, also drei Mal pro Tag, mit Unterschrift eintragen muss. Zum Abendessen oder an den Wochenenden/Feiertags kann man sich aber auch entschuldigen indem man „Ausflug“ oder „Abwesend“ im Vorhinein einträgt. So weiß die Anstalt immer das man noch unter den Lebenden weilt sowie regelmäßig Nahrung zu sich nimmt. Eines Abends, ich mache halbnackt Gymnastik in meiner Einzelzelle, rasselt an der Zellentür ein Schlüsselbund und eine Wärterin stürmt rein, betrachtet mich vorwurfsvoll von oben bis unten und wieder zurück und bellt mich an: „Warum waren Sie beim Abendessen nicht anwesend?“ Ich erklärte dass ich sehr wohl anwesend, das Abendessen überaus delikat und bekömmlich war und ich mich korrekt in die Anwesenheitsliste eingetragen hätte. Isch schwör! Sie fuhr mit ihrer Musterung fort und meinte, diesmal etwas zögerlicher: „Und warum sind Sie nicht ans Telefon gegangen als ich vorhin anrief?“. „Weil es nicht geklingelt hat.“, erwiderte ich. Zack! So, liebe Leute, erhält man Damenbesuch in seiner Zelle. Dabei sollte es aber nicht bleiben.

Das Essen hier im Knast in der Anstalt ist super. Für mich als eingefleischten Nichtvegetarier ist immer was dabei, für die anderen auch. Letztens war ich in einem Vogelpark gewesen und fotografierte einen Truthahn. Und raten Sie mal was es heute Mittag zu essen gab? Truthahn! Habe ich noch nie gegessen und da bin ich ja komisch. Nach dem Motto: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“. Die Alternative wäre eine gebackene Süßkartoffel mit Avocado gewesen. Bähh! Also probierte ich den gebratenen Truthahn mit grünen Nudeln und Pfifferlingsoße. Wenn es nicht geschmeckt hätte, hätte ich es immer noch verschenken, ausspeien oder unter den Tisch fallen lassen können. Aber doch ja, es war lecker. War nicht weit von Huhn entfernt. Ferdi, mein Tischnachbar und pensionierter Meisterkoch, meinte das der Truthahn die männliche Pute wäre. Also die Frau heißt Pute, der Mann Truthahn. Ich fragte ihn ob der Mann nicht Puterich oder wenigstens doch Putin heißen würde. Nein, allerhöchstens Puter, könnte er heißen. Aber definitiv Truthahn. Aber warum dann die Frau nicht Truthenne heißen würde, fragte ich ihn. Nein, das wäre nur der Hahn und nicht die Pute. Aber wenn er so darüber nachdenken würde, wüsste er es dann doch nicht mehr so genau. Schön dass das wenigstens geklärt ist. Oder auch nicht.

Der der Cafeteria angeschlossene Kiosk hat so allerlei Dinge des täglichen Bedarfs. Es gibt Süßigkeiten, Liebesromane, die Bild-Zeitung, Landkarten, Postkarten und Briefmarken, Schwarzwälder Tinnef, Todtmooser Lebkuchen. Hach, jede Menge Zeug was ein Rehabilitand so meint gebrauchen zu können. Oder anders ausgedrückt, all das was ein normaler Kiosk auch so hat. Mit einer Ausnahme, es gibt kein Nikotin und kein Alkohol. Was diesen Kiosk allerdings von anderen unterscheidet, ist eine gewisse offen zur Schau gestellte Frivolität. Was ich erst unglaublich, später amüsant fand. Denn die im Kioskschaufenster befindliche, weibliche Schaufensterpuppe hatte, bestimmt eine Woche lang, untenrum nichts an. Nichts! Auf dem Kopf einen Hut, um den Hals einen Schal. Eine Bluse dann. Aber dann, nichts mehr. Nur Schuhe. Unten an den Füßen. Ich dachte ich sehe nicht richtig. Die Puppe wurde auch im Speisesaal nicht thematisiert. Bis ich es nach einigen Tagen am Tisch ansprach. Warum hier im Schwarzwald alles so spießig wäre aber da, diese halbnackte Dame im Schaufenster.. Die anwesenden Damen und Herren schauten mich pikiert an. Wo ich denn bitteschön, hinschauen würde? Auf was ich – bitteschön, denn auf alles achten würde? Wissen Sie was? Ich fühlte mich schon fast wie ein Verbrecher. Schon fast Opfer der MeToo-Bewegung. Wollte schon fast meine Hosen herunterziehen zur Verdeutlichung dieses unglaublichen Vorgangs. Ich beließ es aber dabei, schrieb einen entsprechenden Brief an die Anstaltsleitung und am nächsten Tag war die Dame nicht mehr nackig, untenrum. Denn zunächst wanderte ihr Schal nach unten, drapiert als breiter Gürtel und am übernächsten Tag hatte sie ein Röckchen an. Geht doch, dachte ich mir während mich einige männliche Insassen böse anschauten, einige mich sogar rempelten.

Als extravaganten und besonderen Service empfinde ich hier die sogenannten „Notrufschalter“, die in jeder Zelle installiert sind. Da ist zunächst der Schalter am Bett zu nennen. Da soll man wohl drauf drücken wenn man im Bett gewisse, wie soll ich sagen, gewisse Gelüste, Bedürfnisse hat.  Dann gibt es noch einen solchen Schalter direkt am Klosett. Den bedient man wenn das Klopapier mal alle sein sollte. In der Dusche gibt es anstatt eines Schalters, ein Seil an dem man wohl ziehen soll wenn einem die Seife heruntergefallen ist. Am ersten Abend im Bett, ich fremdelte ein wenig mit der ungewohnten Umgebung, drückte ich den Bettschalter und kurz darauf, ich hatte schon erwartungsvoll die Bettdecke ein wenig gelüftet, stand ein weiß uniformierter Mann in meiner Zelle und schaute mich fragend an. Ich schaute fragend zurück. Denn was sind das für Gepflogenheiten? Die Situation klärte sich rasch als ich auf den Schalter zeigte und laut „SCHWESTERNRUF“ vorlas. Er verließ alsbald meine Zelle nicht ohne noch von „Hausverwaltung melden“ und „Frechheit“ zu grummeln. Ich notierte mir seinen Namen auf meiner Liste. Ich möchte Sie aber nicht weiter damit langweilen. Sie wollen sicher nicht die unerquickliche Geschichte lesen als die Rolle Klopapier leer war.

Die Anstaltsleitung hat sich eine perfide Art ausgedacht um die körperliche Fitness der Insassen aufrecht zu erhalten. In Ermangelung einer allgemeinen Anstaltswäscherei muss man sich um die Sauberkeit seiner Wäsche selber kümmern. Dazu gibt es unten im Keller einen Raum in dem vier Waschmaschinen und vier Trockenautomaten stehen. Je Wasch- oder Trockenvorgang kauft man sich für 2,50 EUR eine Wertmarke, und kann damit die gewünschte Maschine in Gang setzen. Der Waschgang war, genau wie das Display anzeigte, nach 0:55 Minuten fertig (Pflegeleicht). Dann übergab ich meine Wäsche dem Trockner und versuchte diesen erstmals in meinem Leben ans Laufen zu kriegen. Ich fand ein Programm Pflegeleicht/Schranktrocken, startete das Ding und bekam eine Laufzeit von ca. 1 Stunde angezeigt. Prima, ich war stolz auf mich! Nach etwas über eine Stunde lief ich die Treppen runter in den Keller um zu sehen ob meine Wäsche trocken ist. Die Maschine zeigte mir aber noch eine Restlaufzeit von 19 Minuten an. Alles klar, ich wieder hoch in meine Zelle. Nach einer halben Stunde lief ich hoffnungsfroh wieder runter, jedoch zeigte mir die Maschine diesmal noch eine Restlaufzeit von 12 Minuten an. Tja, kann ja passieren. So Maschinen sind ja auch nur Menschen von Menschen programmiert.

Nach einer weiteren viertel Stunde lief ich erwartungsvoll wieder in den Keller um die trockene Wäsche zu entnehmen und was erblickten meine mittlerweile ahnungsvollen Augen? Restlaufzeit noch 45 Minuten. Da hat sie aber noch mal einen Satz gemacht, dachte ich so bei mir während ich die Treppen wieder hoch lief, diesmal in den Gesellschaftsraum. Meine Erklärungen in die Runde ob dieser frechen Maschine lösten allgemeine Heiterkeit aber auch wohlmeinende Ratschläge aus: „Hast Du auch wirklich Schranktrocken eingestellt?“, „Tststs, Männer!“, „Ist es das erste Mal in Deinem Leben dass Du einen Trockner bedienst?“, „Hast Du überhaupt richtig auf Start gedrückt?“.. Jedenfalls war ich sehr dankbar über diese Tipps und verteilte daher großzügig ein paar Schellen und ging wieder in meine Zelle. Nacht um 23 Uhr zeigte die Maschine übrigens einen technischen Fehler an, ich sollte den Service anrufen. Das tat ich aber nicht. Die Trocknertür ging glücklicherweise auf, ich entnahm meine klamme Wäsche und probierte einen nächsten Trockner. Der vierte Trockner dann endlich, funktionierte, und ich konnte vor dem allgemeinen Wecken noch eine Stunde schlafen. Das Wochenende liegt vor mir und das nächste Waschen steht wieder an. Dieses ewige Treppab und Treppauf ist gut für die Beine, kann ich Ihnen sagen. Da kommt im sogenannten „Kombiraum“ kein Stepper mit.

Haben Sie bis hierhin durchgehalten? Prima, das haben Sie sehr gut gemacht! Noch einen kleinen Schwank gefällig? Vielleicht dass es hier „Zapfstationen“ gibt? Und in dem Zusammenhang, warum sich die Insassen mit Prost, Prosit, Cheers, Santé oder Skål begrüßen wenn sie sich begegnen? Ach ich hör auf. Muss noch schnell zu Bauch, Beine, Po.

Schirrmi 🙂

4 Gedanken zu „Anstaltsalltag

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