Archiv für den Tag: 23. Juli 2016

Angebissene Fliegen und gefickte Fernbedienungen

Booaarhhh, verdammte Scheiße hab ich einen Kater! Das verschissene Eifohn hat nicht geklingelt –ich greife es um 8, habe grade eine immense sozialistische Wut im Bauch, hole aus und schmeiß das Ding  auf den vom Bruder verlegten Laminat. Zack! Plastik platzt, Platinen heulen, prekäre Linsen schreien.

Nee, ich bin es ja selber schuld. Es hat geklingelt. Ich wollte es nur nicht wahr haben. Die versammelte Wut konzentrierte sich auf einen Punkt. So wie Bruce Lee es mir lehrte. Vermeide Konfrontationen, wenn es sich nicht vermeiden lässt – mach kaputt, was Dich kaputt machen will. Sei der Erste der nachgibt, sei der, der den ersten Schlag vollzieht wenn es auf Biegen und Brechen verlangt wird.

Fünfuhrfünfundzwangig – so mein Ding. Normalerweise.

Wut, überschüssige Magensäure, Stress und ein kraftvolles Null-Bock-Gefühl. So saß ich am Tisch, den Hopp-hopp-Kaffee vor mir und die Welt war grausam, ein gelber Schein so fern. Mein Kopf ruckte hoch bei der Tageschau – der mittelmäßigen Wetter-Show. Resignierend nehme ich wortlos Rücksprache mit Yamaha, lasse die Damen und Herren Nubert brüllen bei „Land of Confusion“.

Innere Stimmen flüstern „der Konzern geht nicht platt wenn Du mal platt bist.“, mein Blick gilt halb vernebelt, zu schauen ob da überhaupt noch jemand ist. Halte versuchsweise die Luft an, ob ich die Macht habe, das Rad der Dinge – die Welt zu halten. Feste, anzuhalten. Es schwirrt.

Ich blicke auf das überaus ausgezeichnete Chrom-Design der Fernbedienung um das ehrlichste Klimpern, das ehrlichste Jauchzen was Freund Bach je zustande bracht, auf die vormittäglichen Ohrgehörgangdrahthaare, schön schwarz gefärbt und mit Lidstrich, ich mich verlieren kann.

Dennoch, ein neuer Tag brach an. Sogar ich selbst, tat mir leid – im Geiste sah ich die Freundin, kopfschüttelnd – lass das sein. Und weiter fort: Mein Schatz, das Haus – der Hof! Nun sach, ist es das wert? Mein geliebtes Stück, Du hast so recht! Ich zück mein Schwert und da, da –da..

Attraktiv, mit Haaren und mit Borsten, threesome – nur mit Flügeln, fickten sie auf der Bedienung. Ich, entsetzt, griff zum Telefon, mein Versicherungsagent, der Torsten, verklausulierte mir das Kleingedruckte, es wäre kein Grund zum grienen, bist doch alt genug beim Poppen zuzusehen.

Outtake: „Äh, Schatzipupsimausi..? Was schreibst Du da? Wo ist das Thema, wo kamst Du?

Nee, im Ernst jetzt. Wirklich. Schwör! Da fickten die zwei Stubenfliegen auf meiner TV-Fernbedienung und taten sich nach dem ihrem echt tierischen Akt an meinem Kaffee genüsslich. Ab da war mir der unverhoffte, faule Tag verdorben und fuhr dann doch noch in die Knochenmühle.

Ich verschaffte mir einen elektronischen Überblick und begrüßte die Kundschaft, die mittlerweile lange Schlangen bildeten wie um einen Wettbewerb mit ansässigen Bandwürmern zu gewinnen, mit einem fröhlichen aber ernst gemeinten „Haus des Wahnsinns.. Was kann ich für Sie tun?“

Noch fickende Stubenfliegen im Sinn und wenn ich ehrlich sein kann, es liest ja keiner mit, mit einem ordentlichen Ständer – da draußen um die Rosen zu stützen, der Gärtner war nicht der Mörder sondern bewässert sie, veranlagte ich meinen geschmeidigen Körper in die Küche um mir eine Tasse Anis-Fenchel-Kümmel-Heroin-Tee aufzubrühen. Da das Geschäftstelefon aus Gründen sein Zeitliches segnete, stahl ich aus irgendeinem Office, irgendwas, und stellt den Timer auf 8 Minuten in freudiger Erwartung auf Entspannung während ich aus dem Fenster schaue um die schlanken Schenkel, die kurzberockten, die luftig – duftigen jungen Sperlingskinder zu beobachten die jüngst geschlüpft, noch ein wenig tollpatschig die Welt und die klaren Fensterscheiben irgendeines Bürohauses kennenzulernen.

Acht Minuten! Hab ja Zeit. Acht, zehn oder zweiunddreißigdrölfzich Stunden lang. Alles im Einklang des außertariflichen Knebelvertrags. Es bimmelt, ich nehme den Beutel heraus und entsorge zunächst in mühevoller Kleinarbeit die metallische Klammer, verbringe das Organische in die Braune-, die Hülle in die graue Resttonne, die mittlerweile ihr Alter nicht mehr verleugnen kann, sie riecht und niemand hat mehr Bock die Haare, die grauen, wenigstens zum Anschein zu frisieren.

Nippe an dem köstlichen Nass. Meine weichen, vollen doch zart harte Lippen genießen die Tasse Tee. Und es grummelt, es kitzelt, es küsst mich wer. Schaue in die Tasse, sehe eine halbe, tote Fliege am Tassenrand und frage mich. Wo ist der Rest?

Nun ist es kein Wunder mit mir und den Fliegen. Denn ich bin der Herr und es schreibt sich 666. Doch manchmal will ich konservativ sein – doch die Fliegen, nicht.

BAP – Jubiläumstour – Bonn, 22.07.2016

BAP? Paps? Papp? Satt? Papperlapapp.. wer soll das sein, wer ist denn das, wer sind denn die? Wer ist denn er? Wolfgang Niedeckens BAP, so heißt es hochoffiziell. Die diesjährige Jubiläumstour, oder soll ich sagen, Mördertour, machte gestern Halt in meiner alten Heimat. Bonn. 40 Jahre Kölschrock. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen wie alt gereifter Käse auch wenn man kein Freund von Schunkeleien, Mauscheleien, FC oder Konrad Adenauer ist.

40 Jahre BAP. Ein Pottporree Potpourri von der Vergangenheit zum lallenden Jetzt mit Ausblick in die Zukunft sollte es werden. Und es wurde. Die beliebtesten Lieder 1976 – 2016 wollten das Mädel und die Jungs gemeinsam mit dem ergrauten und nimmermüden Wolfgang darbieten. Gab es ein Wettbewerb? Wessen beliebteste Lieder? Bravo-Charts? Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Jedenfalls passte es. Es passte fast dreieinhalbstundenlang. Es passte für mich und für meine liebe Begleitung und überwiegend allen Menschen die sich im Bonner Kunstrasen zusammen fanden. Überwiegend? Ja klar, wissentlich ausnehmen möchte ich die Leute die sich frech benahmen. Es waren wenige. Es gibt sie immer und überall. Aber die hatten, das kann ich Ihnen versichern, keinen schönen Abend mehr.

Bonner KUNST!Rasen. Was ist das denn? Kenne ich nicht und war ich auch noch nie. Aber ich kenne Bonn und die Bonner. Und kenne die Gegend wo sich dieser Veranstaltungsort befindet. Ich suchmaschiente gestern noch mal schnell durch die einschlägigen Foren um etwas über den, sehen Sie wie das geschrieben wird? KUNST!Rasen zu erfahren. Und das was ich dort las, ließ meine Stimmung schlagartig sinken. Denn die Bonner haben ein Problem mit Geräuschen. Ich schreibe jetzt extra nicht Musik. Nein, sie haben generell ein Problem mit Geräuschen. Ist denen zu laut. Alles. In der eigenen Bude miteinander reden? Bullen – Ruhestörung! TV-Ton aus der Anlage? 110 – Ruhestörung! Haustüre geknallt? Sie ahnen es.

Die Leute berichteten vom Rasen dass man dort nicht die Musik sondern eher das Gras wachsen hört. Ob ein rechtsgelehrter T-Mobil Angestellter vergessen hatte seine Arschfurunkel auszudrücken bevor er sich auf seine Picknickdecke setzt hörte man wohl trotz Musik noch auf den nicht vorhandenen sanitären Anlagen. Bonner Anwohner klagen regelmäßig ob der Musik. Gut, vornehmlich der Lautstärke. Es sind verbitterte Wutbürger in ihren Villen die sich das Reich zurück wünschen. Ihr Reich. Denn damals gab es sowas nicht. Nur in Nürnberg. Aber da war die Lautstärke und die stramme Brüllerei in Ordnung. Eine zweite Gattung dieser, O-Ton Niedecken: „Spillverderver“, könnten auch diese Jungmanager sein die keine Karte mehr bekommen hatten weil sie zu sehr damit beschäftigt waren Mitmenschen zu verarschen und dann daheim alleine ihre Kontoauszüge sortieren müssen.

Leute schrieben dass es so leise war, dass wenn man nicht direkt vor der Bühne steht (Extrageld für im vorderen Bühnenbereich stehen zu dürfen), man sich lieber hinten an die Bierbuden gesellte um von den kleinen, witzlosen hinteren „Lautsprechertürmen“ „beschallt“ zu werden. Wenn man dann aber doch, so wie wir – ohne Extrageld, vorne stand, hörte man mit ganz, ganz schlimmen Delays das gleiche was man vorne grade hörte, von hinten noch mal. Schwierig. Um dieses Setup komplett abzureißen und neu aufzubauen, dazu bräuchte es wohl einen Pantoufle.

Ich erlebte BAP das letzte Mal live in den 80er Jahren. Muss in Meckenheim oder in Rheinbach im Juze gewesen sein. Das gestrige Erlebnis war für mich eine Zeitreise. Denn, Herr Niedecken hat nicht zu viel versprochen. Er bot Stücke aus ganz, ganz alten Zeiten dar. Ich bin ja kein Schriftsteller oder so, aber wenn mir jemand die Steigerung von „Gänsehaut bekommen“ erzählen kann, ja – dann danke dafür! L. und ich hatten dieses gesteigerte Gänsehautgefühl beispielsweise als das Mädel und die Jungs „Ne schöne Jrooß“ oder „Do kanns zaubre“ oder „Et ess, wie’t ess“ oder „Verdamp lang her“ spielten. Sie wissen schon.

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Da hätte ihn, den Niedecken, mal jemand gefragt „Och, nö..“ „Früher wart ihr mal besser.“ Warum, fragt der gute Onkel zurück. „Na ja, halt so politischer und so..“. Wolfgang griente, laaachte und beschrieb sehr viele politische Songs und gab ein Beispiel: „Eyh schaut se euch doch mal an. Die Frisur – Trump, Putin, Erdogan..“. Aber hallo! Als ich das hörte fragte ich laut, sehr laut, was in dieser Reihenfolge der Putin zu suchen hat und ob nicht eine bessere Aufzählung „Hitler, Merkel, Obama“ wäre. Die mit Platin, Gold und Diamantenbesetzten Bonner Mitesser Konzertgäste schauten mich entsetzt, de kölsche jong schaute mich streng an.

 

Schön war es. Richtig schön. Ich kann ja ausblenden. Dramen um mich herum nicht wahrnehmen. Für mich / uns genießen. Bescheid geben kann man immer noch hinterher wenn man will. Aber bis dahin sang mir jemand mit dem Herz am rechten Fleck aus der Seele. 3,5 Stunden lang! Ein Fest auf und mit Kölsch. Gut, ein paar Cocktails waren auch dabei.

Wolfgang Niedecken ist 40 Jahre BAP. Dazu die phänomenale Anne De Wolff die jedes erdenkliche Instrument mit Bravour beherrscht und seit 10 Jahren dabei ist. Der Werner Kopal am Bass, der seit 10 Jahren nicht seine kräftigen Finger von Anne lassen kann uns seit 20 Jahren dabei ist, das Drum-Küken Sönke Reich begeisterte Alt und Jung – man sah ihm seinen Spaß und seinen Stolz an, der Herr Ulrich Rode an der Gitarre der mich immer an jemanden erinnerte. Sagen Sie nicht Sie kennen den Film „The Big Lebowski“ nicht! Sam Elliot der im Bowling-Center neben dem Dude sitzt und sinnierend, sinngemäß ein Fazit über das Leben, die Menschheit und das Universum zieht: „I don’t know about you, but I take comfort in that. It’s good knowin‘ he’s out there, the Dude, takin‘ her easy for all us sinners.” Ulrich trägt einen Dudd. Tja.. Und der Pianist, Orgelchef und Harmonium-Künstler Michael Nass, machte nicht nur in meinen Ohren altgediente Meister wie Deep Purple oder Pink Floyd teilweise nass neidig sondern auch ein Extra-Goodie, nämlich der Gastautritt von dem früheren Gitarristen von Fury in the Slaughterhouse, Thomas Wingenfelder, sollte nicht fehlen und brachte eine musikalische Neuigkeit. Un al die andere.

Wolfgang, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, es ist schön dass Du da bist und mich inspirierst.

Leute, die machen fast jeden Tag in Deutschland ein Konzert – eine Mördertour, ein Mörderspaß. Es ist ein Tipp von mir für euch.

P.S.: Was überaus nett von den Einsatzkräften war: Sie haben extra für uns Autonome ein paar massive Poller bereitgelegt die wir nur nehmen brauchten um „stillen“ Protest auszuüben.

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Einigermaßen verwundert war ich dass der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und nicht der WDR das Geschehen aufnahm. Nicht verwundert war ich dass die Mitteldeutschen ihr Senderlogo nicht richtig schreiben können. Hallo? Ich meine, bei drei Buchstaben? Den 3. Buchstaben falsch schreiben. Geht’s noch?

Passt auf euch auf! Wie ich einem lieben Rat befolgend auch vielleicht eventuell machen werde.