Lagerkoller

Schon lange nichts mehr hierhin gesudelt, obwohl es doch grade so viele Geschehnisse gibt. Nicht allzu sehr bei mir, sondern so im Allgemeinen. Habt ihr sicher schon mitbekommen. Die allgemeine Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, steigende Armut und sonstige geringfügige Einschränkungen sind bislang an mir persönlich vorüber gegangen. Diese Dinge machen mich betroffen, damit ihr mich richtig versteht. Aber ich habe meinen Job noch, und führe ihn per Homeoffice-Location aus und erhalte dafür immer noch pünktlich mein Schmerzensgeld. Damit darf ich mich zu den Glücklichen zählen.

Eigentlich könnte ich jetzt enden, denn der Kiezi (und viele andere), hat dazu wie immer treffend, ausführlich und nachdrücklich seine Gedanken dazu rausgerotzt. Ein Lichtblick, falls ich gefragt werden sollte.

Von Natur aus sensibel (Sternzeichen Krebs für die Esoteriker) und manchmal auch schwermütig, mit vielen Gedanken um mich, andere Leute und Überlegungen über die Qualität und das Vorhandensein von Vernunft, stelle ich erste Anzeichen des Lagerkollers an mir fest. Da gibt es z.B. rein materielle Dinge zu nennen. Weil ich nicht mehr regelmäßig dusche, spare ich Wasser. Das aber auch, weil ich meine Waschmaschine nur noch selten bequeme, denn nicht viel mehr als einen Schlafanzug je Woche genügt, um mein Business mit abgeklebter Webcam auszuführen. Meine Geliebte freut sich, dass nur noch wenig bis gar keine Hemden mehr zu bügeln sind. Insgeheim mache ich mir aber auch Sorgen, dass sie sich daran gewöhnt. Denn irgendwann werden wir doch mal gerettet und sind alle nach Strich und Faden geimpft. Nein, ich bitte darum mir keine Wörter in den Mund zu legen. Ich meinte „geimpft“ und nicht „verarscht“. Nach zig Jahrzehnten auf diesem Planeten mache ich die freudige Entdeckung, dass ich rieche. Auch hier Nein! Nur „rieche“ – nicht „riechen kann“. Ich fühlte mich jahrelang aussätzig wie der Protagonist in dem Roman „Das Parfum“. Ein mir abhanden gekommenes Phänomen meiner Haut, meiner Haare, meiner Stinkewinkel – ja sogar die Ohren, einfach alles, nämlich Gerüche abzusondern, ist da. Wieder da. Ob es am Koller liegt? Oft hebe ich einfach mal den ein oder anderen Arm, nur um mal so zwischendurch zu schnüffeln. Nach dem Pissen (im Stehen) duften meine Finger nach nie gekannten, exotischen Gewürzen und wenn ich mich mal schnell durch das Haus bewege und plötzlich und ruckartig wieder den gleichen Weg zurück laufe, dann wandele ich durch eine sehr, sehr männliche Wolke die wohl aus meinem Schlafanzug entweicht. Auch nach längerer Zeit bin ich für meine Geliebte noch da, obwohl ich eigentlich schon längst wieder weg bin. Kennt ihr den Film „Der Unsichtbare“?

Dieses Blatt Papier könnte nicht ausreichen, um alle weitere schöne und nützliche Dinge zu beschreiben, wie ich sie derzeit erleben darf. Es gibt aus meiner Sicht aber auch ein paar Nachteile. Beispielsweise komme ich seit Wochen nicht mehr in den Genuss, im Büro dem Lochkartenstanzer gegenüber zu sitzen und mich von seiner allumfassenden Weisheit, Menschlichkeit und Professionalität, alleine nur beim Dabeisitzen, erleuchten zu lassen. Wenn er nicht grade schreit, brüllt, andere Leute auf die perfideste Art und Weise hintergeht, runtermacht, für dumm hält (hehe) und wenn er dieses eben nicht grade macht, schmatzt, rülpst, kaut, räuspert, niest und hustet usw. – ja, das fehlt mir sehr. Auch dass meine schöne Limousine nicht mehr so oft zum Einsatz kommt. Dieses teure, hochmotorisierte, edelste aller Edelgefährte (Diesel) nutze ich doch allzu gerne um auf den Kleinstadtstraßen die saubere Westerwaldluft ein wenig „würziger“ zu machen. Für 7 km, die ich auch locker mit dem Radl fahren könnte. Dieses tollste aller großartigen Luxuskarossen macht mir so viel Spaß, dass ich sogar in der Mittagspause zum Scheißen mal kurz nach Hause fahre, und wieder zurück. Jetzt steht mein Schätzchen, welches nur den Besten der Besten der Besten im Neoliberalen Wirtschaftsleben als Penisverlängerung, aber auch um zu zeigen wo und bei wem der Hammer hängt, als adäquates Gefährt gereichen würde. Ich könnte Bücher füllen, die Dinge zu beschreiben die ich ohne Schuld derzeit erleiden muss!

Oh Mann – die Black Week macht mich fertig! Verzuckel mich manchmal bei den ganzen Kreditkarten!

Aus Langeweile habe ich mir sogar, selbst, die Fußnägel geschnitten. Als nämlich jemand erwähnte, dass ich mittlerweile große Risse in den 7,5 x 10,8 Meter großen, antiken und handgeknüpften, persischen Gästeklo-Teppich hinterließ, wurde mir mal wieder die Körperpflege bewusst. Es wurde auch mal wieder Zeit. Herbstzeit. Ich möchte gar nicht groß beschreiben was ich da unten an meinen zart duftenden Füßchen so weggemacht und auf das Eichenparkett geschmissen habe.

Exkursion: Hier in meinem Homeoffice habe ich direkten Fensterblick auf meinen weitläufigen Park mit englischem Rasen. Wie es in dieser Jahreszeit nun mal so ist, mein 1500 Jahre alter Ahornbaum verliert seine verschissenen Blätter. Das kann ich von hier oben, während meiner harten Arbeit, sehr gut beobachten und laufe dann jedes Mal in den Park und hebe das heruntergefallene Blatt vom Rasen auf und schmeiße es zu den Nachbarn rüber. Weil die Blätter aber so ein geringes Gewicht haben, um adäquat geschmissen zu werden, wickele ich die Hinterlassenschaften der Dreckskatze rein. Dann wird, je nach Konsistenz der Scheiße, ein Wurfgeschoß daraus.

Pediküre. Ihr glaubt mir nicht was ich da alles so raus- und abgemacht habe. Da ich schrulliger- aber auch liebevollerweise ganzjährig Zehensandalen trage (selbstredend, als alter Philosoph), hat sich unter meinen Fußnägeln so einiges angesammelt. Ihr könnt euch vorstellen, was man da mit den Krallen alles mitnimmt beim Laubsammeln. Heute habe ich ein Igelfüßchen, ein Blaumeisenköppchen, ein paar noch selbstbewegende Regenwurmenden und eine Grasmilbe aus den Fußnägeln hervorgepult. Es fand sich auch endlich die Lesebrille des nachbarlichen, pensionierten Oberstudienrats wieder.

Großer Aufmacher im lokalen Blättchen: „Der Westerwald beklagt ein weiteres Corona-Todesopfer!“. Journalistisch angeregt, blätterte ich zum Artikel und man informierte mich, dass Heinz-Dieter Schnepfenkopf im zarten Alter von 102 Jahren aufgrund der grässlichen Seuche von uns gehen musste. Verdammt noch mal! Helm ab zum Gebet!

Bei meinen regelmäßigen, selbstauferlegten Studien, recherchierte ich die folgenden Bilder. Ich untertitel diese Meisterwerke nicht. Denkt euch selbst was dazu aus.

Macht’s gut und bleibt gesund!

2 Gedanken zu „Lagerkoller

  1. Aus Bertolt Brecht „An die Nachgeborenen“:

    Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
    Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
    Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu esse.

    Ich wäre gerne auch weise
    In den alten Büchern steht, was weise ist:
    Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
    Ohne Furcht verbringen
    Auch ohne Gewalt auskommen
    Böses mit Gutem vergelten
    Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
    Gilt für weise.
    Alles das kann ich nicht:
    Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
    ….

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