Der Junge der über Dächer ging

Einige Zeiten liegen zurück. Nie hat jemand diese traurige Geschichte weder bei einem Glas Bier noch bei einem Schoppen Wein kolportiert. Es traute sich niemand. Bis jetzt.

Jetzt tut es mir ein wenig wehe wenn ich zurück blicke. Was ihm passierte. Ein ganz normaler junger Mann. Außergewöhnlich in seiner Sensibilität. Dem Wunsch nach Freundschaft – nach Liebe und Zuneigung. Ein Ausgestoßener ob seinem befremdlichen Äußeren, die große Nase, der Geruch, Haare von seiner Mama geschnitten, die Unterhosen Wollen – die Winteroma meinte es nur gut.

Im Klassenunterricht war er einer der Stillsten. Wenn nicht der stillste. Man sah ihn die Angst in den Augen an wenn er den Raum betrat. So viele Leute, so viel Grauen. Hatte schon Angst die Nacht davor, das der nächste Morgen kommt und es heißt: „Schulzeit, mein lieber Junge!“ Freundlich lächelnd seine Mama und strich ihn wie jeden Morgen übers Haar. „Ich bin so stolz auf dich, bring gute Noten heim.“, herzte, küsste ihn und entließ ihn in die Welt.

Er striff die selbstgetrickte Mütze ab, versteckte sie im Keller. Diese Hosen, diese Schuhe die schon der Bruder trug, so alt und nicht mehr modisch. So geht er ein ums andere Mal in die Arena. Er wird geschupst und gehauen. Gehänselt – er will wieder schwänzen. Wünschte Schläge von daheim – denn da, ja da schallt das Lachen nicht über den Pausenhof und er ist nicht allein. So Allein. Nur ein Gürtel der knallt.

Das Ballspiel hat es ihm angetan. Gemeinsam ein Ziel verfolgen. Gemeinschaft, Freundschaft auch wenn es mal rumpst. So steht er am Rand und sieht zu während die anderen schon äußerlich mit dem Trikot, anders sind als er mit Hosen und geflickten Cord, Brause trinken und stark, stolz das Grün verlassen. Er sieht ihnen nach, keine Hoffnung auf – ‚ne kostenlose Wurst.

So ging er dann wie so oft da hinten an den Bach. Konnte noch nicht nach Hause gehen denn der Spruch „Warum bist schon hier und nicht bei Deinen Freunden?“ endete, wenn er ehrlich war in einem Abend der Erniedrigung – seine Geschwister sahen zu. Sein Kopfkissen wie so oft sehr nass, stumme Tränen, das kleine Herz zur Stille gemahnt – dass es keiner hört.

Der Jung konnte es nicht mehr verbergen. Mama fragte, er wurde zu Doktoren geschickt – ganz weit weg. „Is jut..“, so sagte er ein ums andere Mal – es geht mir gut. Kein Aufwand, er wollte keine Aufmerksamkeit und wurde groß. Mama, Papa, Brüder, Schwester – was ich tue, seid nicht böse auf mich – so schrieb er ungelenk in sein erstes Tagebuch und sah klar.

„Ich lebe noch.“ „Warum?“ „Ich suchte Liebe und Zuneigung und erfuhr nur Hass.“ so der Junge der über Dächer ging.

Und öffnete wiedermal das Fenster, schaute in die Nacht so unendlich die Welt, so plötzlich klein seine Furcht, wie frei werde ich sein?

Alles so weit weg. Ruhe.

7 Gedanken zu „Der Junge der über Dächer ging

  1. Mahlzeit!

    Da hier besorgte Nachrichten reintrudeln möchte ich nur klarstellen dass nicht ich in dieser kleinen Geschichte gemeint bin.

    🙂 Schirrmi

    1. Ich habe diese kleine Geschichte die übrigens sehr anrührend ist, mehrmals und auch quer gelesen. In keinster Weise sehe ich da eine Ähnlichkeit zu dir oberflächlichen Halunken.
      Also bitte streng dich beim nächsten Mal etwas mehr an. Der geneigte Leser wird sich wohl die Mühe machen müssen, die gesamte Blogtätigkeit seit Wkw zu durchforsten und puzzeln.
      Gruß und Kuss von jemanden der dich seit 1969 kennt.

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