Uppercut

K-Fruehling_8R0B9180Früh im Büro. Lüften, Ruhe. Eine Lerche hoch oben in der Luft, singt freudig und ausgelassen ihr Lied. Die Spatzen betreiben lautstark ihre Tollheiten. Drei Rehe auf dem Feld schauen in meine Richtung während sie lustvoll äsen. Der Himmel Gold verfärbt, mit wundervollen Farbtupfern aus Rosa.

So oder so ähnlich schaut bei mir ein beliebiger Büromorgen aus. Ruhe! Schönheit die man festhalten will. Wünschen das es so bleibt um mit allen Sinnen den Alltag und das Leben genießen zu können. Es könnte schlimmer bestellt sein.

Offensichtlich vollzieht sich bei mir der Übergang vom Winter zum Frühling genauso sichtbar wie die Natur kurz Luft holt um in Windeseile, in all Ihrer Pracht und Herrlichkeit, angeberisch ihren süßen Duft verströmt um die Menschen zu betören und freundlicher zu stimmen. Denn, im langen und dunklen Winter sind mir Zottel gewachsen die es galt auf eine übliche Schirrmi-Länge zu kürzen.

Dieser, dem Frühling und aus der anstehenden Wanderschaft geborenen Idee, mussten Taten folgen. Bereits gestern googelte ich nach Bilder von Herrenkurzhaarfrisuren, wollte ich doch mal eine andere Kopfmode haben. Bot meine Haarpracht doch nun alle Möglichkeiten um etwas Schickes auf meinem hübschen Kopf interessanten Schädel zu zaubern was sonst nur ein Rasierer könnte. Kurz, ich druckte ein paar Jungmänner-Bilder aus, die ich mitzunehmen gedachte.

Gedacht, getan. Während das Apfelkuchenmobil die Sommerschlappen erhielt, wanderte ich zu den frechen, lieben und meist höchstprofessionell agierenden Mädels in meinem Stammsalon. Freudige Begrüßung hier, Küsschen rechts – links, was darf‘s denn sein? Naja, entgegnete ich, ein Haarschnitt. Mal was anderes, bitte schön. Schwupps, den Umhang am muskulösen Hals befestigt bekommen, auf die Frage ob es so angenehm ist, kurz Argghh geröchelt. Konnte grade noch verständlich grunzen das ich auch was mitgebracht hatte, die Bilder zückend. Ah’s und Oh’s allenthalben im Salon. Der Schirrmi, hach! So also, Frühling? Neue Liebe? Still an Selbstmord denkend wurden die Pics vergnüglich herumgereicht, auch die Kunden durften Blicke auf meine Wunschfrisur werfen nicht ohne es humorvoll zu kommentieren. Ausgelassene Heiterkeit machte sich all überall breit. Ich versank noch ein wenig tiefer in die plötzlich nicht mehr so gemütlichen Sessel.

Nach kurzer Beratung wurde die Schere gezückt. Noch ausgesprochen fidel röchelte ich, der Umhang weitete sich immer noch nicht wie erhofft, „bätte mt woschn!“ Das junge, hübsche Huhn erwiderte fröhlich das ich ruhig sitzen bleiben könnte, das Waschbecken würde zu mir kommen. Dieser Roboter-Vorgang wurde von mir asthmatisch, quasi unwillkürlich kommentiert was die versammelte Mannschaft zu glückseligen Lachen animierte. Ich erhielt auch keine vernünftige Antwort auf meine Frage ob sie auf meinen Haaren keine Fingerabdrücke hinterlassen wollte während sie lasziv schwarze Gummihandschuhe überstreifte.

Exkurs: Der Uppercut, auf Deutsch, der Aufwärtshaken, wird in aller Regel mit einer Aufwärtsbewegung von der Nabelgegend aus durchgeführt, mit dem Ziel einen Gegner schnell und brutalst außer Gefecht zu setzen. Das geschieht meist indem der kräftige, mit Schwung ausgeführte Faustschlag ins Gesicht, vornehmlich ans Kinn, aber auch gegen den Oberkörper, Nase oder Augen, erfolgt.

Gar nicht so viel meine selbstgedruckten Bilder beachtend wurde ich in ein Friseurmeisterin-Fachgespräch verwickelt. Wie viel Millimeter? Mit Übergang? Oder Uppercut? Scheitel rechts, links? Na? Wie jetzt? Puhh! Erwähnend dass sie doch die Meisterin wäre und doch sicher aufgrund ihrer Erfahrung das Beste machen würde, ging es ans Werk. Doch der Rasierer, nicht die Schere! „Brrrr, brummm“, machte der Rasierer. „Brrrr, röchel“, ich. „Ohh und Ahh“, die wunderbare Domina. „Hihi“, die weiteren Angestellten und Gäste.

Kurz vor Vollendung, ich meine, nachdem alles passiert ist, entfloss ihr noch eine, in meinen Haar- und Shampoo verkrusteten Ohren süffisant klingende aber sicher nett gemeinte Bemerkung. „Sie wissen ja dass die jungen Herren auf den Beispielbildern wesentlich volleres und kräftigeres Haar haben als Sie?“ Da war er: Der Uppercut!

Traurig, melancholisch und sich über das Leben im Allgemeinen und über hübsche junge Friseurmeisterin-Damen wundernd, durfte ich (hatte ich schon erwähnt das alles vorbei und nicht mehr zu korrigieren war?) meine Traumfrühlingsfrisur im Spiegel bewundern. Gekonnt und überaus charmant flüchtete die Spiegelhandreichung schnell und in Kürze schwebend über das Werk so dass ich keine Zeit bekam den neuen, schöneren und hübschesten Schirrmi aller Zeiten zu begutachten.

Mit großer Heiterkeit in der allgemeinen Runde verließ ich den Salon, irgendwie mit einem unguten Gefühl. Nach einem schönen Spaziergang bei strahlendem Sonnenschein durch das übervölkerte Industriegebiet in Richtung PKW-Werkstatt fiel mir nur auf das Autos langsamer fuhren, auch öfters hupten als sonst, Fußgänger mir mit einem fröhlichen Grinsen, ihren Gang verlangsamt ins Gesicht blickten.

Dann wollte ich mein Auto abholen. Der Sommerschlappenmonteur meinte noch kurz, er würde mich nicht kennen, könnte ja jeder kommen! Mein Personalausweis, meine nun langsam wütend blitzenden blauen Augen und die Friseur-Quittung konnten ihn dann überzeugen dass ich der rechtmäßige Inhaber des Apfelkuchenmobils bin.

Daheim angekommen, mit ausgiebiger Besichtigung in dem Muckelbadspiegel, wunderte ich mich nicht mehr. Der Tag fing so wundervoll und vielversprechend an!

Euer Schirrmi

P.S.: Aus Gründen habe ich diesen Beitrag ohne kommentierende Fotos erstellt. Beitragsbild stammt aus K und hat außer Frühling keinen weiteren Bezug. Prost!

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