Schachmatt

Schachmatt-Schirrmi-Meer_8R0B3111Der Sommer 1985 war heiß. Genauso heiß wie ich. Sweet Sixteen. Die Ziggis schmeckten schon und konnten formvollendet gedreht werden. Hatte ich nachts im Bett gelernt, im Dunkeln. Den Tabak vom Bruder geklaut, jede Menge Betten im arg kleinen Kinderzimmer, voll belegt. Nur ja nicht Licht oder Lärm machen. Sonst hätten schlimmste Befürchtungen Realität angenommen. So wenig wie möglich mit dem Papier rascheln. Unter der Bettdecke erst Würste, dann Schwangere, später dann richtige Ziggis hinbekommen. Der gemeine Landser damals im Schützengraben in Stalingrad hätte es nicht besser hinbekommen als ich im Dunkeln unter der Bettdecke. Wohin mit dem Rauch?

Limo war Vergangenheit und musste zunächst Platz für mindestens Kölsch-Cola machen. Als Jüngster war ich eigentlich schon zu alt, zu alt für mein Alter. Zwar blauäugig in die Welt blickend doch viel zu streng und erfahren wie es gewöhnlich wäre. Wissend. Ich fühlte mich stark. Stärker als wie es meine Physik erlaubt. Von Kleinkind an Kämpfe für und gegen das Leben. Die schmalen Schultern breit. Kein Lachen, kein Weinen egal was passiert. Hinnehmen was passiert, austeilen, komme was wolle. Brutal das Leben, ernst das junge Herz. Und dann immer diese Albträume, die Atemlosigkeit. Keine Ruhe.

Der Sommer strahlend, Schulferien und endlich wieder Zeit zum Arbeiten. Zum Geld verdienen. Um mir ab und zu das Gefühl zu gönnen dass ich dazu gehöre, zu den Kumpels. Um mir einfach so etwas kaufen zu können. Sie Taschengeld, ich Arbeit. Wettgemacht wurde dieses Ungleichgewicht durch eine Rücksichtslosigkeit auf Freund und Feind beim Feld- und Rollhockey die dem späteren Mike Tyson zu Ehren gereicht hätte. Immer druff, bis das Blut spritzt!

Mein Schulferienarbeitgeber „Joh“, auch der „Ausländerarschtreter“ genannt, war damals schon so schlau wie später die verbrecherischen Gestalten Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Konsorten. Damals egal für mich. Das interessierte mich nicht und gehörte auch nicht zu meiner Gedankenwelt. Zu jung, zu viel Kopfkino in Bezug auf Mädels. Umso erfreuter war ich als ich hörte dass er eine Autoreise (Geldsäckel) nach Schweden und Dänemark vor hatte um Gewinne zu vermehren. Er fragte ob ich mit wolle. Klaro!

So kam es also das wir uns kurzerhand daheim verabschiedeten und uns dann per PKW in den Norden aufmachten. Der Plan war Dänemark, Schweden und über die Hamburger Reeperbahn wieder zurück ins Rheinland. Hach! Freude, Aufregung machte sich breit! Endlich mal Ferien.

Ich merke grade dass ich nach dieser kurzen prägnanten Einleitung mal zum eigentlichen Punkt kommen sollte. Ihr seht, ich denke an euch und habe Mitgefühl :-). Jedenfalls sah ich Gegenden, Städte die ich noch nie sah. Erlebte aufregende Dinge, hatte eine schöne Zeit mit viel Muße fürs Nichtstun. Genoss den Sommer wie ich ihn noch nie genoss. So frei und ohne Arbeit, so schön die weite Welt, so weit weg der Alltag, der Dreck.

In Dänemark oder Schweden war es. Ein fast leerer weißer Sandstrand, das Meer brandete sanft und verwischte immer wieder etwaige Spuren an der Wassergrenze. Die Sonne schien warm und überaus angenehm auf meine mittlerweile sanft gebräunte Haut. Blonder Flaum auf Bauch und Arme. Eine leichte Brise sorgte für gelegentliche Abkühlung und kitzelte Schauer um Schauer auf meinem Rücken. Meine Badebux wie immer zu eng, so spielten „Joh“ und ich im Sand liegend Schach. Ein herrlicher Mittag mit viel Ruhe und vollste Konzentration auf das Spiel der Könige. Leise spielte das kleine Kofferradio die passende Musik zu diesem Sommer.

Exkurs: Ich bin ein sehr, sehr gelegentlicher Schachspieler. Hatte damals in der Schule mal eine Schach-AG besucht, das war es auch schon. Was nur immer meine Herausforderer, die nicht nur gelegentlich spielten verwunderte war, dass sie sich schon anstrengen mussten um mich zu schlagen. Sogar passionierte Spieler zeigten mir ihre teuflische Fratze in Form von nackter Gewalt, Aggressivität und Spielneid wenn sie gegen mich verloren. An dieser Stelle: Viele Grüße! Ne Partie gefällig? 🙂

Zurück zum herrlichen Müßiggang. Wie damals beim Ringen, mal lag er oben, mal ich unten gingen siegreiche Scharmützel und Schachpartien mal an die Schirrmi-, mal an die „Joh“-Seite. Fast ebenbürtig aber nicht verbissen genossen wir diesen schönen Tag, manchmal unterbrochen von „Joh‘s“ wohlwollend hingemurmelten Strategieratschlägen die oft genug von der leichten Brise in Richtung Meer getrieben wurden bevor ich sie wahrnehmen konnte.

Schachmatt-Schirrmi-Meer_8R0B3250Aus angenehm schläfriger Konzentration wurde ich aufgeschreckt durch die Möwen. Sie schrien leise und kicherten so vor sich hin. Was? Halt! Aufblickend bemerkte ich meinen Irrtum. Nicht Möwen sondern vielmehr zwei junge Mädels in Bikinis kamen fröhlich in unsere Richtung und gackerten vor sich hin. Meine Konzentration aufs Spiel war nun arg plötzlich vorbei. Ich betrachtete sie ausgiebig als sie näher kamen. Schlank und rank mit Bikinis die knapper waren als meine immer knapper werdende Badebux. Lange blonde Haare die frech von der Meeresbrise durcheinandergewirbelt wurden. Ausgebleicht, Surferlook. Die weißen Zähne blitzten aus sonnengebräunten Gesichtern während lustige Augen zu mir herüberstrahlten und mir zuzwinkerten. Im Kofferradio lief „Maria Magdalena“ von Sandra als sie nun bei uns waren und mich in ihrer fremden Sprache anredeten, sozusagen in Zungen sprachen.

Als mir eine der beiden wunderbaren Strandnixen ihre Hand herunterreichte konnte ich grade noch zu „Joh“ keuchen: „Du bist zu alt, ich bin gleich wieder da – nicht schummeln!“, schnappte mir noch den Tabak und ließ mich entführen. Ließ mich verschleppen, mir war es egal wohin und für wie lange wenn es nur ewig so andauern würde.

Schachmatt-Schirrmi-Meer_8R0B3479Sie nahmen mich an die Hände und wir liefen in die Dünen. Nicht ohne das immerwährende liebreizendste und unverständlichste Geplapper das ich je in meinem Leben hörte. In den Dünen so nahe der Zivilisation aber so fern möglicher Blicke und gelegentlicher Spaziergänger stoppten wir unseren wilden Lauf nur um die Atemlosigkeit gegen heiße, zärtliche Geilheit zu tauschen. Ein schüchterner, fragender Blick in ihre wunderbaren Augen wurde mit einem leisen Kuss beantwortet. Die Lippen so jung, weich und voll berührten die meinen erst aufmunternd dann fordernd. Vier Hände streichelten über meinen Körper, meine Hände wussten angesichts des Paradieses nicht wohin zuerst doch fanden schnell Gefallen an dem Gedanken ihnen das Bikinioberteil abzustreifen. Zart schoben sich meine Finger unter ihre Oberteile, streichelten über die festen, kleinen Brüste, über die vom Wind und Erregung hart geschwollenen Nippel und ich konnte nicht anders um mit etwas Abstand diese Wunder der weiblichen Anatomie zu bewundern. Oh, diese Badebux!.

Eng umschlungen küssten und streichelten wir uns als wäre es das Letzte bevor das Ende der Welt anbrach. Hände, Münder, heiße Körper, leises Keuchen und Stöhnen begleitete uns in den Sand. Wer war wer, wessen Hand befreite mich von der ollen Bux, welche feuchte Herrlichkeit fühlte ich grade? Speichel war Labsal und Schmerz zu gleich. Zungen glitten umeinander wie Schlangen im Liebesspiel. Nackte Schenkel umklammerten schweißnasse, wild bebende Becken. Lustvoll griff ich mit vollen Händen und meiner jugendlichen Manneskraft hinein in das pure heiße Leben bis sich Rücken bogen bis ins Unerträgliche und sich die geile Anspannung plötzlich und explosiv in lustvollen Orgasmen entlud. Als drei zuckende Körper mit Sand paniert wie Schnitzel Wiener Art, lagen wir eng ineinander verschlungen und versuchten Luft zu holen. Lachten, küssten, rauchten und freuten und träumten jung in die Wolken und in den endlosen blauen Himmel hinein.

Nach den kleinen süßen Toden waren sie wieder da. Sie, die Brise und ihre Freundin, die Sonne, föhnten und trockneten unsere Körper. Eine kleine Maus huschte aus dem Dünengras als sei sie auf der Flucht. Entfernt hört man noch die Brandung, vereinzelte Möwen schreien, die Mädels lachen glücklich. Ansonsten Ruhe. Die Welt steht still und ich will den Augenblick für immer festhalten.

Wir verabschiedeten uns wie wir uns kennengelernt hatten. Nicht in verständlicher Sprache sondern mit dem Selbstverständnis und dem Gefühl junger Menschen dafür dass sie sich überall und immer verstehen – auch ohne Worte.

Zurück am Strand sagte „Joh“ nur ein Wort zu mir: „Schachmatt!“

Euer Schirrmi

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