Die Nacht der tausend Toten

„Sach ma, Baby. Mit wie vielen Toten nehmen wir nun hier unser Abendessen ein?“ Sie schaut mich kurz aber dabei schräg an – ich merkte sie überlegt und als ob sie nur ein Auge hätte, und antwortet „hab ja nicht nachgezählt, aber so um die 70 Tote schauen uns zu beim Essen zu.“.

Tja, ich hatte nachgezählt, sie lag falsch. Aber noch mal von Anfang an.

Es begab sich also anno 2015 im verwunderlichen Wechsel zwischen Winter zu Frühling. Man selbst noch nicht wissend ob man wieder lebt, die Augen reibend den letzten Winterschlaf, insgeheim und ohne es zu wissen, nur fühlend, sich freuend auf den Frühling, neblig noch die Welt doch schön und still der Berg noch – hoffnungsvoll, noch Nebel da, da, scheint so langsam die Sonne durch. Einen Arm heraus aus den Schatten in den Lichtblick hinein – wie wunderbar und warm. Ja, ich fühle sie, ich fühle es. So kalt wie es einmal war, so warm und kribbelig, sie ist bald da. Sonne! Mein Herz!

Nichtsdestotrotz war es saukalt und ungemütlich dort oben auf der Rosstrappe. Nach allerlei Erlebnissen freuten wir uns auf ein Abendessen. Wenn es noch ein wenig, wenigstens lauwarm gewesen wäre – wir hätten zuerst den Koch, dann die freundliche Bedienung und dann und immerdar das schöne Leben umarmt. Uns zur Freude, „ein voller Magen macht glücklich“, stärkend und langsam auftauend, bereit für weitere Schandtaten, servierte man uns ein feines Futterlein so gar so fein.

Comp_CG6A1736_Harz-April-2015

Mampf, rülps! Doch was sehe ich da? Ein Toter, zwei Tote, drei Tote. Und immer so weiter dass es einem leid tat wenn man sich erlaubte darüber nachzudenken. Die versammelte tote Mann- und Tierschaft schaute einem beim Essen zu. Mit blinden Augen, wie vorwurfsvoll. Ich schaute und hörte ganz still. Ein Reh: „Ich fütterte mein Kind, dann ein Gefühl dass es meine Brust zerreisst!“. Ein Fuchs: „Solche Angst, soviel Angst erlebte ich noch nie. Bis es vorbei war. Totgehetzt und durchgebissen, meinen Hals.“. „Mama, ich liebte Dich. Ich wollte Deine Zärtlichkeit. Dich spüren, ich liebte Dich.“ Ein Knall! „Jetzt schaue ich von einem Regal herab und weiß nicht was das soll!“. Einst, so der stolze Habicht, „ich kümmere mich und lebe. Ich schwebe und ich jage. Ich bin, weil ich so bin. Ich kann nicht anders. Frei. Nun bin ich aufgepflockt und schaue herunter immerdar.“ So schaut der einst stolze Greif herunter auf die Menschen, tot und traurig denkend „Warum?“.

Comp_DSC_0132So und noch schlimmer dachte ich insgeheim vor mir hin während wir in Gedanken die Anzahl der toten Seelen zählten. An der Wand hängend. Auf uns herunterschauend. Mir das Essen verleidend. Vorwurfsvoll manchmal die älteren Toten, verwundernd die Kleinen. Die, die das Leben noch nicht kennenlernen durften. Während wir fressen. Saufen. Es uns gut gehen lassen.

Warum? Warum? Warum machen Menschen andere Lebewesen (auch Menschen – anderes Thema) tot nur zum Vergnügen um sie dann als makabre Deko, Souvenirs, esoterische Medikamente oder schlicht aus Spaß am Töten, würdelos in einem Gasthaus der tausend toten Seelen an die Wand nageln während ich mir meinen schönen Spargelsalat einverleibe? Hmmmmh?

Satt, rülpsend – „haste mal ‚ne Talcid?“ gehe ich ins Bett und träum von Geld und Reichtum.

Wie das so ist.

Schirrmi

Ein Gedanke zu „Die Nacht der tausend Toten

  1. Tauaend Augen,leblos, tot, der bissen im Hals stecken bleibend.. Aber alles in allem war es der beste Urlaub den ich hatte..danke!!! Hab dich lieb.

    Bussi
    L.

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