
Damals war ich noch jung an Jahren. Dinge hatte ich erlebt – sie hatten sich in das junge Fleisch, den jungen heranwachsenden Geist festgebrannt. Zu jung für so Zeug. Sieht man auch erst wenn man älter ist.
Aber darum geht es nicht. Ich berichte beispielhaft über einen Sommertag der schöner und denkwürdiger nicht hätte sein können. Nicht das etwas Besonderes passiert wäre. Nicht das irgendjemand mal wieder eine ganze Bevölkerung per Atombombe ausgelöscht hätte oder der Staat Israel salonfähig unter normal denkenden Menschen geworden wäre.
Nein, ich war jung, geil und immer auf ein neues Abenteuer aus. Die Berufsschule hat genervt. Die Chefs haben genervt. Die Eltern sowieso. Bis hierhin das normale Programm für einen Heranwachsenden. Unverstanden und rebellisch. Dabei schön und stark – versteht sich ja von selbst!
Auf jeden Fall musste ich zwei Tage die Woche in der Bonner Berufsschule (Straße der Verrückten) verbringen. Fand ich eigentlich immer ganz cool. Weil wenn wir mehr als 6 Unterrichtsstunden hatten, mussten wir Nachmittags nicht mehr in den Betrieb gehen. Dieser Umstand hatte natürlich sehr viel Potenzial zum Missbrauch. Nämlich Morgens grade mal erscheinen – abhauen – den guten Johi einen guten Tag.. häh? Jedenfalls, war so die Regel. Erscheinen, versuchen abzuhauen und das zweimal die Woche. Vor allem im Sommer. Alles voller jugendlicher Begierde, es roch und fühlte sich alles nach Mädels, Musik, Spaß und Punk an – man musste sich nur ein wenig einfühlen können. Was mir nicht schwer fiel.
Hatte eine ehemalige Schulfreundin. Punk. So und so oft Schulverweise, Repressalien, immer eine riesen große Klappe und dabei eine freche Schnüss. So eine wie die Älteren immer vor gewarnt hatten. So ein Luder, unverbesserlich und eine unmögliche Person. So eine mit nem Minirock der kürzer war als das Leben eines Embryonen den man abtreibt. So eine mit schwarzen, zerrissenen Netzstrümpfen auf weißer Haut. Jung-Madonna – nur in geil. In genau so eine war ich verliebt. In sie. Luder.
War ein Problem für mich gewesen. Sie war selbstverständlich nur mit „großen“ Jungs zusammen. Tätowiert, hatten Drogen, Autos, mit und ohne Lappen – egal, eigene Buden, etcetera. So Typen, paar Köpfe größer als Du, älter, erfahrender, brutaler und mit dem Wissen.
Seis drum, an jenem Vormittag auf dem Pausenhof der Berufsschule, Sommer, die Luft roch frisch nach Unabhängigkeit, die Schülerseele umrundete die Möglichkeiten der Freiheit, lotete die eigenen Bedürfnisse ab, wägten Recht gegenüber Unrecht ab. Ich.
Ich. Wurde auf dem Pausenhof angesprochen. „Schirrmi, das ist kein Ort für dich.“. Ja, ich weiß, entgegnete ich. Großer, gut aussehender Mann… „Brauchen noch jemanden für ne Party. Mehr Mädels als Jungs. Am See. Jetzt. Mit leckeren Joints in der Sonne und Bier am See!. Haste Lust?“
Ich schaute zu ihm hoch und erwiderte „Alter! Schulhofgangster! Wenn du mal so richtig Ärger im Leben haben willst – dann sag das Ganze noch mal zu mir!“ – und stieg in seine alte Karre, er warf mir eine Dose Tuborg zu und legte eine Kassette ein, er brummte im Rhythmus von Frank Zappa mit. Das Bier war schön kalt, der Sommer heiß, ich freute mich dann doch.
Irgendwo hinter Rheinbach, hieß irgendwie was mit Loch *hehe*, der dritte Joint ging durch die Zweisamkeit in dieser !Karre!, fragte ich was wir denn vorhätten. Naja – See (Mattbachtalsperre), Mädels und alles Drum und Dran. So mit allem Zipp und Zapp – sagte der grobe Kerl.
Angekommen, half er mir dann auch aus dem Auto, mir fiel erschreckend ein das ich keine Sonnenbrille dabei hatte, machte die Augen zu weil mir die blendende Welt so dreist und unbarmherzig erschien. Gewöhnte mich dann aber. Autoradio aus – Lachen und fröhliche, schrille Wohllaute drangen durch den Wald.
„Darf ich dir meine Freundin vorstellen?“, sagte der große Kerl. Bin dann weggesackt als ich SIE gesehen hatte. Meine allergeheimste, Träumfreundin. Meine Schulkameradin. Sie, sie, die doch nicht in solche „Kreise“ reingehört. Zack! Wieder ne Dose Tuborg zugeworfen bekommen mit dem guten Rat mich ein wenig frei zu machen.
Gut, meine Jeans waren für die Jahreszeit gedacht und überhaupt schon fadenscheinig, kleine fleißige Finger rissen dann aber die kleinen Designerjeanslöcher in Größere so dass meine Hosen letztlich in Lappen an mir runterhingen. Ließ mich anschließend dazu hinreißen, in Angesicht das ich offensichtlich in einer Nackedai-Kommune gelandet bin – wollte ja auch nicht auffallen – die Lappen fallen. Na ja, dachte ich – gut für die Bräune und schon, zack – hatte ich schon wieder einen Joint in der Hand, Dose Bier flog mir ebenfalls wieder in die Magengrube.
Ihr könnt euch vorstellen dass ich mich ein wenig überrumpelt fühlte. Dann, geiler Schreck! Meine Liebe, die schon so viele, unerkannt, feuchte Träume mit mir mitmachte, lag nehmen mir. Nackt! Lächelte freundlich, reckte ihren Körper- streckte die Brüste, ihren Po, reichte mir Bier und Joints, nahm mich allenthalben in Schutz wenn die großen Rocker doch zu streng mit mir als Jungspund wurden, hörten Musik.
Abkühlung im See – sie küsst mich zart und sagt, „Schirrmi ich weiß wie es dir geht, ich habe ihn geschickt um dich zu holen. Hatter doch gut gemacht!“. Nach dieser Ansprache bin ich nicht weniger als 30 Minuten später aus den See steigen können, Oh Hell! wäre das peinlich geworden – so war ich verliebt. Das liebe Miststück.
Sonnenuntergang, Musikkassetten wechselten, so was von gemütlich und weltvergessen im Gras. Fühlte mich mittlerweile dazu, Lagerfeuer, Lachen, Stories werden erzählt. Ich gehöre dazu, höre auch von mir Geschichten, fühle mich gut. Gitarre wird gespielt. Gleich werde ich mir wünschen dass dieser Moment nie aufhören wird. Wir sind Eins. Niemand und Nichts stört. Es wird Nacht. Die Sterne funkeln. Wir liegen da und es ist warm. Mit uns – bei uns. Wir kuscheln.
Das ganze Bier, – die Joints so ungewohnt. Ich kotze – kein Wunder. Während ich so gebückt und angreifbar bin, kommt jemand und umarmt mich. „Schirrmi, ich pass auf Dich auf!“. Bis jetzt weiß ich nicht ob es die Liebe war oder der grobe Kerl. Ich fühlte mich geborgen.
Schirrmi
Hallo Brüderchen,
die kleine Talsperre nennt sich „Madbach“
lg,
Martin
Ja, genau – vielen Dank für den Hinweis. Die Madbachtalsperre 🙂
Lieber Schirrmi.
Lass mich raten wer das Mädel war 😉
Hmh, Du könntest richtig raten. Waren wir ja schliesslich damals gemeinsam in diesem Paralleluniversum 🙂