Die gemeine, liebe Synapse – plötzliche Erinnerungen

Ihr braucht euch gar nicht so gemütlich zu rekeln, zu entspannen und zurückzulehnen in der Erwartung dass jetzt ein längerer Beitrag folgt. Es ist vielmehr eine kurze Durchsage. So kurz wie Synapsen brauchen um Signale zu übertragen. So kurz das ich mir noch nicht einmal die Mühe machen kann ein Blogbild aus einer meiner Kramschubladen auszukramen.

Ich hörte grade zufällig ein Lied. Nur die ersten Takte, wenn überhaupt. Schon kamen mir längst vergangene Bilder in den Sinn. Ungefragt, einfach so. Sie waren plötzlich da ohne dass ich sie gerufen oder gewollt hätte. Fühlte mich zurück versetzt in die Zeit dieser Erinnerung. Ebenso wenig stand in meiner Macht mich zu wehren, diesen Song tief in mich hinein gleiten zu lassen um mein Herz und meine Seele anzurühren. Erschreckend – schön.

Es muss ein Abend in einem November oder Dezember gewesen sein. Es war dunkel draußen. Irgendwie gemütlich. Kalt aber nicht zu kalt. Dunkel aber nicht zu dunkel. Kein Schnee, kein Regen. Die Straßenlaternen funkelten und spendeten ihr Licht warm und gemütlich dem Einsamen der noch nicht daheim ist, und dem der sich grade auf den Weg macht. Der Asphalt so trocken, so grau. Zur Verabredung. So aufgeregt mit leisen, innerlichen Parolen, wie „bleib cool!“

Daheim. Noch tausendmal in den Spiegel geschaut. An den spärlichen Haaren rumgezupft. Wie oft noch die Zähne geputzt. Ein wenig Duft. Mist – zu viel! Noch mal duschen, alles besser machen. Immer noch nicht gut – die Zeit rennt, die Verabredung ist nahe. Die Jeans zu eng. Das Oberteil unpassend. Anderer Gürtel. Schuhe noch mal aus. Haben die Socken Löcher? Mist, noch nicht die Ziggi-Dose vollgedreht. Den Lieblingssong laut aufdrehen. Um nicht mehr so angespannt zu sein. Welche Jacke? Uhh! Man will ja auch nicht unpünktlich sein.

Nun endlich, fünf Zylinder brummen, die gemütlichen Ledersitze helfen um Ruhe einkehren zu lassen. Noch mal entspannen bevor es losgeht durch die dunkle Nacht, zum Grund der Aufgeregtheit. Ich freue mich. Ich kann es nicht erwarten. Andererseits, wäre ich nicht glücklicher hätte ich gesagt, ich hätte keine Zeit? Nein, so schmerzhaft, so kribbelnd das Gefühl. Die Sehnsucht, das Verlangen sie wieder zu sehen ist stärker als meine Selbstzweifel. (Ah, wartet mal, ich muss grade die MP3-Schallplatte wechseln – Alone again). So, weiter im Takt, sanft in den Hüften wiegend…

Ich gleite sanft über die Autobahn. Dumpf und leise die Außengeräusche. Innen schön warm und gemütlich. Mucke. Denke plötzlich irritiert darüber nach warum die Lichter der Autos vor mir weiß anstatt rot sind – ach, ich schweife ab. Nee, also, ich gleite durch die Nacht, gemütlich und voller Liebe. Mache das Dach auf und lasse mich vom sternenklaren Himmel inspirieren, fange an zu spinnen, lasse Gefühle hochkommen, hoch vom Herz in den Sinn, sie verdichten sich zu Buchstaben, Worte, Sätze, werden zu einem Gedicht. Wiederhole es laut, die Sterne blitzen über mir, freundlich wie mir scheint,  und sehen zufrieden aus was sie da hören.

Der Ort. Noch nie da gewesen. Irre umher und will nicht zu spät kommen. Keine Sekunde –  aber diese auch nicht zu früh. Fahre mitten durch und über einen Park. Denke noch kurz darüber nach ob ich nicht über einen auf der Wiese daliegenden Schlafsack gefahren bin. Stopp. Rückwärtsgang, noch mal drüber und zurück auf die Straße die in einem anderen Licht erscheint als wie es hier in Monte ist. Unwirklich, fremd, ich bin zum Zerreißen gespannt und will nicht umkehren. Sie wartet doch auf mich.

Während ich klingele registriere ich aus den Augenwinkeln noch schnell ein schön eingepacktes Geschenk. Muss wohl ein Motorrad sein. Der glücklich Beschenkte! Die Stimme sonst so süß und liebevoll nun dumpf aus der Gegensprechanlage, „Johannes?“ „Grmpf!“, bring ich mit meinem Kloß im Hals heraus. Die Tür geht auf und es ist soweit. Oh Mann, da ist sie endlich! Da bin ich endlich. Ich sehe das Paradies, ich rieche sie, so lieblich duftend – roch ich nie. Die Augen lächelnd, die Zähne blitzend. Die Schuhe, hach! Sie ist perfekt, so denke ich bei mir. Werde kleiner und demutsvoll für einen Moment. Werde dann frecher und baue mir ein Schild. Ein Schild was nur das durchlässt was ich meine was sie sehen soll, nicht wie ich grade bin.

Drinnen. Es ist alles so schön. Obwohl fremd doch so vertraut. Ich hätte da nicht viel anders gemacht. Der Stubentiger so lieb, heißt mich willkommen. Es ist als ob er mich wieder erkennt. Daheim.

Umarmung. Meine Knie werden weich. Ich muss mich setzen.

Gemeinsam backen, trinken, lachen. Blödsinn hier, Witze da. Unsere Blicke treffen sich. Erst ausweichend, dann tief. Elektrisierend. Entscheidungen wurden getroffen in Sekundenschnelle. Lass uns Freunde sein. Ohne Worte, aber die voller Sehnsucht. Bevor ich weinen kann geht es gemeinsam hinaus in die Nacht. Sie merkt wie es mir geht. Punk Rock live, Cocktails, Kneipen. Lachen, Spaß – eine Nacht die nicht aufhören darf. Ich nehme mir vor den Moment festzuhalten. Halte den Atem an als ob ich die Welt anhalten könnte, dass sie nicht mehr dreht. Ich kann es nicht. Absturz.

Der Asphalt so grau. Die Nacht so klar. Das Bett so weich. Und der Song hier brachte mich dazu. Ich hatte keine Chance.