Nachts wird geduscht

Damals waren wir zu fünft daheim. Fünf Gäule sozusagen. Ich glaube, immer recht bescheiden, wenn Sie mich kennen würden, dass ich der Goilste war.

Wenn das Wort Bescheidenheit nicht schon erfunden wäre, man hätte mich als personifizierten Erfinder dieser überaus hochachtungswerten menschlichen Eigenschaft in den Weltalmanach, nein – umso mehr, gelte ich allgemein anerkannt als der lieblichste Beweis dieser dem der göttlichen Nähe zu sehenden Fähigkeit, mein eigenes Ich niemals herauszustellen wage und kurz gesagt, in bescheidener Manier durch die Welt wandele um damit höchste Bewunderung und Ehren zu erlangen.

Wie leise schon erwähnt, ich bin. Und ich bin nicht besser. Vielmehr weniger. Jedoch kann ich nichts dafür, in den Augen der großehrbarsten Menschen als höchst kluger und immer freigeistiger, intelligenter Gesprächspartner in allen Lagen der denkbarsten Belange zu gelten, ein Anlaufpunkt für jedem der ein wenig mehr Weisheit, Herz und Erkenntnis erlangen mag. Wie gesagt, in aller Bescheidenheit – die höchste Tugend, die ich nicht für mich in Anspruch nehmen kann und will. Sich nicht selbst herausstellen, mit und wenn es auch noch die besten und schönsten Fähigkeiten sind die einen der besten Menschen ausmachen. Nein, ich hebe mich nicht damit hervor.

Heute unterredete ich mich mit einem der Hengste, wir verbrachten einige Jahre zusammen in einer Zelle in einem Zimmer, in einem Doppelstockbett, und er fragte mich „Weißt Du noch? Als Du mich arbeiten geschickt hast?“. „Nö.“ erwiderte ich in aller Bescheidenheit. „Als Du nachts nach Hause kamst, Licht anmachtest?“ „Nö.“ „Als ich dann aufstand weil ich dachte es wäre frühmorgens und Zeit für die Arbeit? „Nö.“ „Als ich dann duschen ging, meine Arbeitsklamotten anzog und in der Küche meine Brote schmierte?“ „Nö.“ „Und als ich dann auf die Küchenuhr sah dass es 1:30 Uhr in der Nacht war?“ „Nö.“ „Und als ich Dir den Hosenboden versohlte?“ „Ja.“

Hat ja gar nicht weh getan, hihi.. Deine Nacht war versaut und ich.. – war gut gelaunt J

In aller Bescheidenheit und ich kann ja nichts dafür, ich bin halt toll und hab Spaß dabei – brrrr, hihi..

Ich räumte grade vom Dachboden meine Briefmarkensammlung herunter und bot L. stolz einen Einblick in der Selbigen.

In all den Alben hatte ich einen kleinen, gezackten und originalgestempelten Schatz gesteckt. Dieser sollte, ich dachte schon damals an früher aufhören, die Zeit zwischen meinem 49. und dem 67. Lebensjahr finanzieren.

Nun wie folgt. Ich ziehe meine weißen Baumwollhandschuhe an, lege die Briefmarkenbücher zur gemeinschaftlichen Ansicht vor und wir beide, die vermaledeite L. und ich, erfreuen uns an den Marken. Ich bat mir exklusiv aus selbt umzublättern damit nichts passiert.

Nun kommt es manchmal vor dass eine Briefmarke ein wenig schräg, nicht grade oder so, in den im Briefmarkenalbum vorgesehenen Fächern liegt. Wie verrückt und wahnsinnig und ebenso in Zeitlupe sehe ich plötzlich wie L. die Finger ihrer rechten, und wie ich jetzt nachträglich meine, schmutzige Hand, zu einer Briefmarke greift, um sie grade zu rücken. Mit entsetzten Blicken und bevor ich schreien konnte, vollzog sie. Die Eine Briefmarke fiel. Nein, sie flatterte. Sie schwebte zwischen vier kleinen, süßen und wohlmanikürten Füßen, der Schwerkraft entsprechend zu Boden. Und ward nie mehr gesehen!

Sie sah meinen Gesichtsausdruck und bückte sich allsbald vor mir. Auf der Suche nach meiner Kapitalanlage die so- und soviel Jahre gesichert war, nämlich meine Lebensversicherung. Und bückte sich und ich greinte und konnte meinen Blick nicht lösen – vom verlorenen Leben. Aber, lesen hier Männer mit? Scheiß auf die Briefmarke!

Jedenfalls bückte und kroch und stöhnte sie auf dem Boden so herum dass es eine Freude war.

Tja!

Ein Leben im Dachboden

Im Grunde war Klein-Johi ein netter Mensch. Stets zuvorkommend auch und ohne Hintergedanken zu Menschen die es im Geist anderer Leute wohl nicht verdient hätten. Ihm war ein fröhliches, offenes Wesen zu eigen was sich immer gerne und unausweichlich als Spiegel auf der den Lebensweg zweigenden Menschen Gesichter offenbarte. Wenn man über ihn redete, bescheinigte man Klein-Johi eine ausgesuchte Höflichkeit. Zurückhaltend bei Gesprächen die ihn nichts angingen, Verschwiegenheit allenthalben. Jedoch frohgemut, still und innerlich wunderten sich andere ob man nicht naiv sagen könnte, stolperte er glücklich durch die Welt und öffnete die Herzen nicht nur wenn er, entschuldigen Sie bitte diesen Exkurs, morgens um 4:45 Uhr mit den Amseln um die Wette pfiff. Glockenhell, sein blondes Haar vor Freude werfend, die kleinen Zähnchen blitzend und eine leere Dose Bier hinter sich polternd – nur um sich danach umzusehen ob alles gut, ob es niemanden getroffen hat. Glucksend, lachend vor Glück nahm er jeden in den Arm und steckte an – mit seinem Witz, überbordende Fröhlichkeit. Zu jedem Anlass und auch wenn es keinen gab, machte er einen Purzelbaum, die Kinder, Mütter – ja auch die Katzen, Hunde lachten und versuchten es ihm nachzumachen. Nahm zwei, drei, vier oder mehr Dinge in die Hand und jonglierte wie wild und lachte sich kaputt – auf dem Kopf zur Not ne‘ Narrenkapp.

Er trampte durchs Leben, ließ sich lieben und liebte. Vor allem Letzteres. Es gab kein Hunger, nur manchmal Durst. Er trug einen alten Rucksack und hatte immer eine Dose Bier dabei, die er gerne teilte. Wenn er ein Mädel sah, sprach er sie an und zuckerte sie mit wohlgeformten Worten an bevor er halb kichernd, halb verschämt einen Salto-Rückwärts vollzog, die Hosenknie seiner Jeans schon ganz löchrig. Johi tat nie jemanden weh. Zumindest wollte er das nie.

Ich muss bald umziehen. Ziehe von einem gottverlassenen Nest in ein anderes. Muss meine geliebte Muckelbude aufgeben die alles und noch viel mehr gesehen, erlebt, gehört und gefühlt hat. Sie hat mittlerweile eine Seele – ich war gut und lieb zu ihr, sie auch. Zwar manchmal zickig – aber das ist normal. Das stört mich nicht. Wenn ich sage „kenne ich, weiß Bescheid“, dann gibt es das nicht, auch wenn man bis ins Klein-Klein nachdenken würde – nicht das wieder was ich und mit und unter und über mit der Muckelbude erlebt habe.

Sie sieht grade Scheiße aus. Nicht mehr schön. Schon fast wie ausgeweidet. Ihr Inventar wird nach und nach auseinandergenommen. Ich rede und rede und versuche lieb zu sein, so sanft wie möglich, ich mag es ja auch nicht – bis zur Endreinigung. Ich halte mich auf dem Dachboden auf und lasse runter, lasse alles runter was früher war. Kartons, Kisten. Mit was drinn. Ich predige zu mir: „Schmeiß weg!“ oder „Lass los!“. Alles das was weg ist müssen meine geliebten Umzugshelfe nicht mehr schleppen und ich hätte ein befreiendes Gefühl. Hätte. Es ist schwer. Die Kisten nicht. Sondern der Inhalt. Ein halbes Leben.

In den meisten Kisten fand ich Platinen, Prozessoren, Interfacekarten und dazu Schaltkreisdokumentationen. Alte Software auf Medien zu denen es keine Laufwerke mehr gibt. Alte Studienunterlagen mit schöner, junger und naiver Handschrift. Programmieranweisungen mit meinen Kommentaren, noch ein weiteres Studium, jede Menge Hard- und Software die nur den Kenner nostalgisch werden lassen kann. Ein alter ausgeliehener Lötkolben, Zinn. Alles funktioniert noch, wenn man sich Mühe gibt. Ich hole die Kisten vom Dachboden runter und fühle und schaue und erinnere mich. Und krame weiter und immer weiter runter und mein Leben öffnet sich wie eine Zwiebel und man sieht. Ich sehe wieder was ich mal war.

Ich finde Briefe, Zettel, finde kleine Dinge in meinen jetzt zittrigen Händen und lese und staune. So viele Menschen haben mir was gesagt. Haben mir Andenken geschenkt. Schenkten mir voller Hoffnung ihr Angedenken. Liebevolle Krizzeleien, Gemälde, Gedichte. Hoffnung. Anbetung. Liebe. Zärtlichkeit.

Habe ich das damals wertgeschätzt? Habe ich das damals als das angenommen was es war? Innige Liebesschwüre und Poesie dass sich Goethe schämen müsste wenn er rückblickend seine Zeilen lesen würde.  Habe ich entsprechend lieb reagiert? Oder, Fuck!, habe ich jemanden weh getan trotz der Beweise die Ewigkeiten halten sollten?

Ich räume auf. Es ist schöntraurig und ich verliere mich bewusst und nicht unglücklich in die Vergangenheit. Wir waren früher sowas von liebenswert. Gut. Punk. Und schön. Und dabei toll. Und überaus schön. Innen und Außen. Und selbstbewusst. Wir Kleinen 🙂

Es ist schön diese Fetzen durchzusehen. Ich finde nicht schön dass ich umziehen muss. Aber ansonsten hätte ich diese oder jene Erinnerungen jetzt nicht in meine Finger bekommen.

Ja, ich liebe euch auch.

Euer Klein-Johi

 

Bauer sucht Frau – Bullen suchen Hirn

Halten Sie sich bitte fest. Lesen Sie bitte nicht weiter wenn Sie leicht zu erschrecken sind oder organische Probleme haben. Denn jetzt ist der Weltuntergang da. Ich bin entsetzt zusammengebrochen als ich diese Woche in unserem Dorfblättchen eine offizielle Anzeige einer Rheinlandpfälzischen Behörde las. Bauer sucht Frau – Bullen suchen Hirn weiterlesen

Ein molekular veränderter Stich

Wir haben hier im Westerwald grade soundso viel Uhr vor Schlag. Was so gesehen zunächst nicht schlimm wäre. Wäre morgen nicht Montag.

Heute hatte ich mal wieder Besuch von so Langhaarigen. Sogenannte Alternative. Da muss ich mir echt mal die Zunge locker machen. Alternativ! Kennen Sie noch? Früher? Ganz früher? Jedenfalls schaute ich an die Decke, an die Lampe und sah – da hing ein Höschen. Ich wunderte mich und schaute verwundert wieder herunter, die langhaarige Alternative neben mir im Sessel an, die doch keine glatten Haare hatte doch umso weniger als..

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Der multiple Haircut

Komisch irgendwie. Wenn man mal anfängt, hört es nicht auf.

Innerhalb von 45 Minuten Mittagspause fuhr ich in das Industriegebiet, parkte recht schnell und joggte in das Establishment, nicht ohne vorher mit breiten Schultern und strengem Blick ein paar anderen Kunden den Vortritt – nicht zu lassen.

So kürzte man mir die Matte in einer atemberaubenden Zeit, es sprang ein Heiermann für die Dame heraus. Die Zeit reichte noch um in den anderen Ort zu fahren, kurz zu Mittag zu fressen, danach noch scheißen, Hände waschen, Zähne putzen und wieder, pünktlich in der Knochenmühle zu sein.

Die überaus nette und vollkommen tätowierte Dame kürzte zunächst mein Haupthaar („bitte oben nicht allzu kurz, da ist es nämlich ein wenig schütter“) und befragte meine Augenbrauen. Ich bejahte. Büro: Während ich mich über ein Problem grübelnd im Gesicht streichelte, fielen mir überaus nützliche aber wenig attraktive Drähte auf. In der Nase. Nahm dann den uralten Rasierer, in stillem Gedenken an die liebe Evi – von ihr erhielt ich ihn Annodazumal, und kürzte kleine Nasenlochborsten.

Jetzt rückblickend bin ich froh und stolz das an der Haarfront Tabularasa gemacht wurde. Trotzdem bin ich noch nicht zufrieden, stelle ich grade fest als ich vom pinkeln kam. Ich schaute nämlich runter..

Mit intimen Grüßen..