{"id":5088,"date":"2022-09-15T12:56:35","date_gmt":"2022-09-15T11:56:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/?p=5088"},"modified":"2025-01-18T21:40:37","modified_gmt":"2025-01-18T20:40:37","slug":"der-ausputzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/der-ausputzer\/","title":{"rendered":"Der Ausputzer"},"content":{"rendered":"<p>Man ist ja froh, eine Arbeit zu haben. Ist man froh, eine Arbeit zu haben? Erst vor kurzem noch, bei einem Gl\u00e4schen mit der Maus und ein wenig Mucke, ich nehme an es war der gute John Lennon, der mich am Ess-\/Trinktisch dazu brachte, \u00fcber mein jetzt schon langes Arbeitsleben zu sinnieren. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iMewtlmkV6c\">Working Class Hero<\/a> muss es gewesen sein. Beeindruckend. Wenn man hinh\u00f6rt und die Mucke nicht nur den Hintergrund beschallen soll.<!--more--><\/p>\n<p>Es muss wohl 20 Jahre her sein, dass die lieben Chefs, sie kannten noch den Namen der Angestellten und deren Familienmitglieder, auf die Idee kamen zu expandieren. Klein oder Mittel zu bleiben, hei\u00dft schnell in die Bedeutungslosigkeit zu geraten. Geschluckt zu werden. Aufgehen in den gr\u00f6\u00dferen Schlund des finanzst\u00e4rkeren Hechts. Expansion bevor es die anderen tun. Das hei\u00dft, es wurden andere Firmen der gleichen Branche aufgekauft und in das so wachsende Unget\u00fcm namens Marktf\u00fchrerschaft eingegliedert.<\/p>\n<p>Das Wort \u201eEingliedern\u201c erscheint zun\u00e4chst brav und unschuldig. Das Gesch\u00e4ft sichern, Erfolg haben, mehr Umsatz generieren, die Arbeitspl\u00e4tze sichern, an Innovationen teilhaben, Internationalisierung, Marktbeherrschung. Solche und noch viel mehr auf den ersten Blick valide Buzzwords, sorgten aber auch f\u00fcr die Geldvermehrung einiger weniger und der sogenannten Stakeholder. Die mit dem \u201eEingliedern\u201c Besch\u00e4ftigten, wurden abgespeist. Die wenigen Pfr\u00fcnde sind l\u00e4ngst verfressen &#8211; im Kleinen, im Gro\u00dfen in die Schl\u00fcnde des Staats, der Energiekonzerne, Finanzinstitute gelandet.<\/p>\n<p>Was passiert nun mit den Firmen, die jemand aufkauft? Selbstverst\u00e4ndlich schafft man, im idealen Sinn, gemeinsame Synergien, Lieferketten werden optimiert, das Angebot wird ausgeweitet. Dazu noch viel mehr. Win-win. Win-win? Wenn man eine liebe, gro\u00dfe und professionelle \u201eZentrale\u201c hat, die mit Finanzbuchhaltung, Personalabteilungen, IT-Organisationen, Konzerncontrolling, etc. bestens ausgestattet ist \u2013 ben\u00f6tigen dann die Aufgekauften auch noch solche Verwaltungsorganisationen? N\u00f6! Das w\u00e4re ja doppelt. Und die \u201eZentrale\u201c kann es ja besser und hat gen\u00fcgend Menschen, auf die man zus\u00e4tzliche Lasten verteilen kann. Soweit nachvollziehbar? Ben\u00f6tigen Sie weitere Buzzwords? Simplification, Standardization, Optimization. Im Grunde auch: Headcount-Reduction. Nein, es werden nicht nur alte Schlips abgeschnitten, wie man es im Rheinland einmal im Jahr zu tun pflegt. Es rollen K\u00f6pfe. Menschen. Menschen werden arbeitslos. Oft ist einer dieser Kopf-ab-Menschen ein Alleinverdiener und muss eine Familie versorgen. Dann ist nicht nur ein ungl\u00fcckseliger Kopf, sondern eine ganze Reihe f\u00e4llig.<\/p>\n<p>Der Ausputzer.<\/p>\n<p>Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich erst im fortgeschrittenen Alter auf die Idee komme, mir dar\u00fcber Gedanken zu machen. Vielleicht weil schon ein neuer, ein junger Ausputzer hinter mir steht? Mir grade vieles \u00fcber den Kopf w\u00e4chst? Der niedrigqualifizierte Hausarzt erwiderte auf meine Klage, dass ich latente, aber diffuse Angstgef\u00fchle habe: \u201eDiffus? Warum nicht klar? Es liegt doch alles auf dem Tisch. Lassen Sie sich impfen. Dann wird das schon.\u201c. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, warum mein lieber Arbeitgeber mich auserkoren hat, um in der globalen IT-Organisation \u201eaufzur\u00e4umen\u201c, zu optimieren. Aus seiner Sicht war es eine kluge Entscheidung. War ich naiv? War es mein nettes, verbindliches Auftreten? Meine Kollegialit\u00e4t, die zun\u00e4chst keine Gefahr erahnen l\u00e4sst? Rotk\u00e4ppchen \u2013 Wolf.<\/p>\n<p>Mit meiner Hilfe wurden einige IT-Organisationen, diverse in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, in der USA, sogar auch bei uns selbst, im G\u00f6tterbau des Marktf\u00fchrers, mindestens geschr\u00f6pft. Manche mehr, manche weniger. Es l\u00e4uft immer gleich ab. Erstmal \u201eLiebkind\u201c mit den neuen Kollegen machen. Sich kennenlernen, gemeinsame Hobbies finden, Freunde werden, zusammenwachsen. Dann wird man gefragt, ob man eine Dienstreise machen m\u00f6chte, um die neuen Kollegen pers\u00f6nlich kennenzulernen. Was die f\u00fcr Systeme haben, wie die arbeiten, welche Software blablabla die haben. Welche IT-Dienstleister besch\u00e4ftigt werden, alle IT-Vertr\u00e4ge \u2013 ob kurz- ob langfristig zu sichern und zu dokumentieren (Wichtig: Vertragslaufzeiten und -K\u00fcndigungsregelungen mit Prio dokumentieren). Eine Inventarisierung der Server, Computer, Betriebssysteme, etc. anfertigen. Danach muss alles sch\u00f6n aufbereitet werden, am besten in Form von 1-Pager, die auch der einfachste Manager versteht. Es erfolgt eine Fit-Gap-Analyse, man f\u00e4hrt \/ fliegt noch mal hin zur Kl\u00e4rung letzter Punkte. Die Kollegen, Freunde verstehen nun langsam, was auf sie zukommt. Wenn dann glasklar alles offenliegt \u2013 verstanden ist, wird ausgeputzt. Die Personalabteilung wickelt ab.<\/p>\n<p>Die Franzosen sind st\u00e4rker. Wehren sich wohlwissend was l&#8217;Allemand mindestens zweimal schon angestellt hat. Sie sind z\u00e4h, bewundernswert. Nicht nur in dieser Hinsicht.<\/p>\n<p>Fun-Fact am Rande: Anl\u00e4sslich dieses Themas, bei einem der Fl\u00fcge nach Washington schaute ich mir den Film \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Up_in_the_Air\">Up in the Air<\/a>\u201c mit dem adretten George Clooney im Bordkino an. Meine Rolle hatte ich damals nicht in G\u00e4nze verstanden.<\/p>\n<p>Apropos verstanden, damit Sie mich richtig verstehen. Das ist nicht mein Hauptjob. Meine Mama, andere Familienmitglieder, der Papa, Freunde, haben mich oft gefragt, was ich denn so tue. Dazugesagt, die meisten sind Handwerker \/ Handarbeiter und ich der Einzige mit einem \u201eB\u00fcrojob\u201c. Ich konnte nie zufriedenstellend erkl\u00e4ren, womit ich meine Lebenszeit vergeude. Am Ende antwortete ich immer nur: \u201eIch bin eine Tippse und rede dabei den ganzen Tag.\u201c.<\/p>\n<p>Unangenehm? Ja, allerdings. Am meisten f\u00fcr mich, dass ich dieses endlose, furchtbare Spiel mitspiele. Einmal erkannt, l\u00e4sst es mich nicht mehr los, dieses besch\u00e4mende Gef\u00fchl. Wohlwissend, ich bin der N\u00e4chste. Bumerang.<\/p>\n<p>Lag mir schon l\u00e4nger auf der Zunge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man ist ja froh, eine Arbeit zu haben. Ist man froh, eine Arbeit zu haben? Erst vor kurzem noch, bei einem Gl\u00e4schen mit der Maus und ein wenig Mucke, ich nehme an es war der gute John Lennon, der mich am Ess-\/Trinktisch dazu brachte, \u00fcber mein jetzt schon langes Arbeitsleben zu sinnieren. 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