{"id":5064,"date":"2022-09-09T21:20:06","date_gmt":"2022-09-09T20:20:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/?p=5064"},"modified":"2025-01-18T21:40:37","modified_gmt":"2025-01-18T20:40:37","slug":"sie-fuehlten-sich-wohl-in-ihrer-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/sie-fuehlten-sich-wohl-in-ihrer-haut\/","title":{"rendered":"Sie f\u00fchlten sich wohl in ihrer Haut"},"content":{"rendered":"<p>Die dunkle, stille Jahreszeit verabschiedet sich im lichtgrauen Nebel, die Natur erwacht, Mensch und Vieh wird rege &#8211; die m\u00fcden Glieder streckend in ersten zarten Sonnenstrahlen. Die Singv\u00f6gel sind die Ersten, nat\u00fcrlich.<!--more--><\/p>\n<p>Der kleine Junge schaut seit Wochen, eigentlich wie immer, aus dem Fenster und sollte sich freuen. Genauso freuen, wie die anderen. Dass die Sonne wieder scheint, die Natur aufbl\u00fcht und die Menschen endlich ihre griesgr\u00e4migen Mienen mitsamt dem Wintermantel einmotten und sich wie abgesprochen, leutselig und im fr\u00fchlingshaften Miteinander, fr\u00f6hlich gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Von Drinnen betrachtet ist alles in bester Ordnung, sinnierte der kleine Junge. Die anderen Kinder, in kurzen Hosen und voller Leben in den Knochen, haben wohl recht, gl\u00fccklich zu sein. Fu\u00dfball auf dem Bolzplatz, Fangen spielen, Rollschuhlaufen auf trockenen Gehwegplatten, R\u00e4uber und Gendarm, Winnetou und man hat seinen Blutsbruder, jemanden dem man vertraut. Die warme, trostspendene Sonne auf der Haut sp\u00fcren, zu sehen wie sie langsam br\u00e4unt und die adlige, aber winterkalte Bl\u00e4sse wie ein Echo der Vergangenheit zergeht. Ja, von hier oben aus dem obersten Fenster des Plattenbaus, schaut sich das alles richtig an. Wie sich die Menschen, die Kinder in ihrer Haut wohl f\u00fchlen. \u00dcberstrudelnde Lebensfreude, da unten.<\/p>\n<p>Obwohl alles richtig ist \u2013 da drau\u00dfen, so dachte der Kleine traurig, so ungerecht hat es der liebe Gott mit ihm gemeint. Ja, er wusste \u2013 sogar der eigene Sohn Gottes musste leiden, ohne dass sein Papa eingriff. Da ist man in bester Gesellschaft. Klagen sollte man nicht. Schon beim Mittagessen, h\u00f6rt man doch so oft: \u201eDie kleinen Kinder in Afrika sind noch schlechter dran!\u201c.<\/p>\n<p>Die W\u00e4rme ist der Feind.<\/p>\n<p>Runter von der Nachtspeicherheizung. Es bringt ja nichts, \u00fcber diese Dinge nachzudenken. Das Atmen fiel ihm, kein Problem &#8211; schon gewohnt, immer schwerer. Wenn doch alle so normal, so gl\u00fccklich sind, dann muss ich doch f\u00fcr irgendwas b\u00fc\u00dfen. Lieber Gott, auf den Knien vorn\u00fcbergebeugt fiel dem Jung das Atmen leichter, ich lebe. Ja, aber.. \u2013 ich war doch immer lieb..?<\/p>\n<p>Schule musste sein. Kleidung anziehen, ihm war es egal ob es neue, passende, oder alte abgetragene Kleidung der \u00e4lteren Br\u00fcder war. Oder Klamotten aus der Kleiderkammer, die man uns dankenswerterweise zur Verf\u00fcgung stellte. Es war egal, denn alles klebte an des Kleinen blutiger, n\u00e4ssender Haut. Jeglicher Kontakt zu Stoffen, jeglicher naher Kontakt zu Menschen, auch wenn sie gut gemeint waren, f\u00fchrte zu uns\u00e4glichen Schmerzen, die das Kind l\u00e4chelnd herunterschluckte. Sie meinen es doch nur gut.<\/p>\n<p>Die Haut, die Schlimme, die war der Feind. Das Blut, der Eiter, die Kratzerei, Anbinden, fesseln, N\u00e4gel kurz, nichts half.<\/p>\n<p>Der Junge hatte, obzwar schon 11 Jahre alt, eine sehr stringente Vorstellung vom Leben der Gro\u00dfen. Laute Musik, Asbach-Uralt, Sekt, Bier \u2013 viele lustige, immer andere fr\u00f6hliche Menschen bei Elvis, Roland Kaiser, J\u00fcrgen blablabla. Restetrinken. Danach hatte er regelm\u00e4\u00dfig weniger Albtr\u00e4ume, daf\u00fcr umso mehr Gewissheit zu unterscheiden, wer sch\u00f6n und wer der Pausenclown ist.<\/p>\n<p>Pausenclown.<\/p>\n<p>Das kleine, arme Kind, dessen Haut nicht vorhanden ist, blutig und immer verdeckt, um das H\u00e4nseln zu vermeiden. Die Oma hat ihm Verb\u00e4nde angelegt, wo so viel n\u00f6tig waren, dass der Neukauf von Verbandsmaterial auch der geliebten Oma finanziell nicht mehr m\u00f6glich war. Man kochte die Verb\u00e4nde auf dem heimischen Herd ab, und verband das Kind, so gut wie es eben ging.<\/p>\n<p>Abgestumpft, ohne Freude und ohne weitere Hoffnung auf Besserung, gingen die Jahre hin. Altklug, schon in jungen Jahren, \u00fcber die Vor- und Nachteile von Selbstmord referierend, alles glasklar mit Vor- und Nachteilen vor Augen. Die Vor- waren berauschend \u00fcberwiegend, so das Fazit des gequ\u00e4lten Kindes..<\/p>\n<p>Blau-Rot-Blau-Rot \u2013 so die Lichter von au\u00dfen in das Kinderzimmer. Einmal mehr k\u00fcndigte sich der Rettungswagen lustig, lichternd an, um ein Kind zu retten. Der gro\u00dfe Bruder tat sein Bestes, w\u00e4hrend die Mutter und die anderen der insgesamt f\u00fcnf Kinder um den blau-verf\u00e4rbten Jungen herumstanden \u2013 das Leben seines kleinsten Bruders zu retten. Er hat es geschafft! Schon drei Mal ist der Junge dem Tod von der Schippe gesprungen. Doch immer nur das letzte Mal z\u00e4hlt. Vielen Dank, M. mein lieber Gro\u00dfer!<\/p>\n<p>Niemand kann sich wohlf\u00fchlen, in dieser Haut. Es muss. Eigener Schwei\u00df &#8211; Feind. K\u00f6rper an K\u00f6rper &#8211; Feind. Trotz, Suff, Drogen, Zyn<\/p>\n<p>Fragmente, mit beliebiger Fortsetzung. Besser wird\u2019s nicht. Ein Wunder dass es noch lebt.<\/p>\n<p>Machine Gun Kelly &#8211; Papercuts https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=28PwRWXQ6Pw<\/p>\n<p>Sch\u00f6nen Tag auch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die dunkle, stille Jahreszeit verabschiedet sich im lichtgrauen Nebel, die Natur erwacht, Mensch und Vieh wird rege &#8211; die m\u00fcden Glieder streckend in ersten zarten Sonnenstrahlen. 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