{"id":4829,"date":"2020-06-04T21:02:55","date_gmt":"2020-06-04T20:02:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/?p=4829"},"modified":"2025-01-18T21:40:39","modified_gmt":"2025-01-18T20:40:39","slug":"nur-so-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/nur-so-8\/","title":{"rendered":"Nur so"},"content":{"rendered":"<p>Offiziell ist die 1. Welle wohl vorbei. Nach vielen Wochen Homeoffice hat die Knochenm\u00fchle angeordnet, dass wir uns alle doch wieder in dem wundersch\u00f6nen, neuen Verwaltungsgeb\u00e4ude einzufinden haben. Gro\u00dfraumb\u00fcros, weite Hallen, viele Kolleginnen und Kollegen, der liebste Chef der ganzen Welt von morgens bis abends direkt mir gegen\u00fcber an einer Vierertischgruppe. Wie habe ich das vermisst! Den ganzen Tag seine liebe und angenehm leise Stimme zu h\u00f6ren. Sein zur\u00fcckhaltendes Kauen, Schmatzen, R\u00f6cheln, St\u00f6hnen beim Essen seiner mal 300 Pfund gemessenen Fr\u00fchst\u00fccksmenge. Aber auch seine Gespr\u00e4chspartner zu h\u00f6ren, wenn der liebste Scheffe der Welt mit der immer unzureichenden Technik k\u00e4mpft und sein Headset, seine PC-Lautsprecher, seine Monitor-Lautsprecher, sein Telefon \u2013 tja, alles gleichzeitig laut zugeschaltet ist, wenn er telefoniert. Der Hit! Jeden Tag, von morgens bis abends.<!--more--><\/p>\n<p>Ich wollte mir des Morgens mal eine beruhigende Ziggi g\u00f6nnen und drehte die gro\u00dfartige Designerdreht\u00fcr, um nach drau\u00dfen in den herrlichen Raucherpavillon zu kommen. Durch die Dreht\u00fcr erblickte ich das sowas von angenehme und \u00fcberaus liebe (Masken) Gesicht der Frau des Betriebsleiters. Sie wollte rein. Ich raus. Kein Problem, gelle? Nach der wohlverdienten Kippe am Arbeitsplatz angekommen, rauschte eine Rund-Email vom Betriebsleiter rein: \u201eAn die Belegschaft zur Erinnerung: An Engstellen, an denen keine 1,5 Meter Abstand eingehalten werden kann, ist eine Mund-Nasen-Maske anzulegen!\u201c. Tja. Ich wusste das sowas kommt. Eine meiner Lieblingskolleginnen. Als ich sie mal Sonntagmorgens beim Anstehen beim B\u00e4cker sah, drehte ich mich um und ging ohne Backwaren nach Hause, in der Hoffnung ich h\u00e4tte noch Coppendings und Miese im K\u00fchler.<\/p>\n<p>Ein lautes Geschrei, Gefauche, Gebr\u00fcll und Geheule in der Stra\u00dfe meiner wohlgepflegten Reihenhaussiedlung \u2013 ich frage Sie: Wie soll man da in Ruhe mal eine quarzen k\u00f6nnen? Ich wollte schon die Bullen rufen, das Ordnungsamt und hielt auch schon die neuen Pandemiegesetze in der Hand als ich sah was los war: Zwei Damen mit Fotzenleckern an der Leine, die alle vier br\u00fcllten und heulten und kl\u00e4fften, dazwischen die schwarz-wei\u00dfe Mistviehkatze mit einem Buckel bis zum Himmel, zwischen den Hunden her t\u00e4nzelnd wie Fred Astaire und freundschaftliche Hiebe auf die feuchten Nasen austeilend. Ein Bild f\u00fcr die G\u00f6tter! Herrlich! Es gibt Momente, wo ich das Drecksvieh doch ein wenig mag.<\/p>\n<p>Ich habe einen Freund und Kollegen mit dem ich mich drau\u00dfen im Pavillon kompetent und \u00fcberaus unterhaltsam \u00fcber die Schlechtigkeiten der Welt, die Abgr\u00fcnde der menschlichen Natur, Musik und dem lokalen und globalen Narrenschiff unterhalten kann.<\/p>\n<p>Er ist j\u00fcnger als ich, aber mindestens unser Augenlicht verband uns letztes Jahr mehr als die wichtigen Dinge im Leben. Denn ich konnte letztes Jahr pl\u00f6tzlich nicht mehr richtig sehen \u2013 grauer Star. Meine Augen haben je eine neue Linse erhalten, soweit gut. Doch er hat eine angeborene Augenkrankheit, bei der er schon seit jungen Jahren immer mehr sein Augenlicht verliert. Fast blind, mittlerweile. Es gibt bis jetzt keine Medizin, keine OP die dem Abhilfe schaffen k\u00f6nnte. Jedoch habe ich den Eindruck, dass sein Geist, sein Herz und Verstand immer sch\u00e4rfer, je unsch\u00e4rfer sein Augenlicht wird.<\/p>\n<p>Das erinnert mich an meine Kind- Jugendzeit \u2013 der Dirk. Er hatte das gleiche Augenleiden wie M. und war einiges \u00e4lter als ich. Ungef\u00e4hr so alt wie mein \u00e4ltester Bruder. Er hatte eine wunderh\u00fcbsche junge Freundin, Natascha. Wenn man den rechten Kennerblick hatte und in Saft und Kraft stand, wurde man bei ihrem Anblick schlagartig geil. Wie verbarg man seine immer enger werdende Jeans in Dirks Wohnzimmer, wo ich einige Male eingeladen war? Dirk war, so raunte man, gewaltt\u00e4tig und hatte eine niedrige Toleranzschwelle.<\/p>\n<p>Bei einem Drink und einer leckeren T\u00fcte auf seiner Couch, Natascha war in der K\u00fcche um uns was zu Essen zu bereiten, wurde er pl\u00f6tzlich sehr ernst und versuchte mich anzusehen: \u201eSchirrmi, kannst Du mir bitte einen Gefallen tun? Du musst mir was versprechen!\u201c. \u00c4hm, ich war auf einen Fausthieb direkt in meine Fresse gefasst und r\u00fcckte ein wenig ab. Hatte er irgendwie geahnt was f\u00fcr einen St\u00e4nder ich jedes Mal hatte, wenn ich seine Freundin sah?<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft, ich sehe nicht mehr gut und kann mich nicht so richtig um Natascha k\u00fcmmern wie sie es verdient hat.\u201c fl\u00fcsterte Dirk leise. \u201e\u00c4h, ja, klar..\u201c \u2013 mehr fiel mir dazu nicht ein. \u201eSie ist jung und h\u00fcbsch und m\u00f6chte und soll das Leben einer jungen Frau f\u00fchren, ohne sich einschr\u00e4nken zu m\u00fcssen.\u201c. Ich dachte mir immer noch nichts dabei. Er weiter: \u201eIch erblinde und wir alle wissen das. Natascha soll aber ihr Leben genie\u00dfen und obwohl sie mich liebt und sich nicht beklagt, soll sie normal leben k\u00f6nnen.\u201c. Puh, ich z\u00fcndete den abgelegten Drei-Blatt wieder an und nahm einen tiefen Zug w\u00e4hrend er weitersprach: \u201eVersprich mir, Dich um sie zu k\u00fcmmern. Mit ihr durch die W\u00e4lder und Felder Fahrrad zu fahren, spazieren gehen. Mit ihr das Phantasieland und Zoos zu besuchen. Alles mit ihr zu machen f\u00fcr das ich nicht mehr imstande bin. Kannst Du mir Deine Augen leihen? Kannst Du mir das versprechen? Machst Du das?\u201c. Mein Mund war trocken als ich ihm das alles versprach. Und meine Geilheit war verschwunden. Natascha war seitdem wie eine Schwester f\u00fcr mich. Die Freundin von Dirk.<\/p>\n<p>Dienstagmorgen 6.30 Uhr, ich sah am Hintereingang der Knochenm\u00fchle einen Zettel neben der T\u00fcr kleben: \u201eDas Verwaltungsgeb\u00e4ude ist nur mit vorheriger Fiebermessung zu betreten. Falls Sie vor 7.30 Uhr Einlass m\u00f6chten, begeben Sie sich vorher zur Werkspforte.\u201c. Na gut, ich ging trotzdem rein und stempelte in das Zeiterfassungsterminal und wollte die wunderbare, tolle Natursteintreppe hochgehen. Da rief pl\u00f6tzlich eine Damenstimme mit diesem erregend, bestimmenden polnischen Akzent: \u201eHallo! HALLO!\u201c Und weiter: \u201eHALLOOOOO! Waren Sie Fiebermessen?\u201c<\/p>\n<p>Nee, war ich nicht. Nat\u00fcrlich nicht. Was interessieren mich Zettel? Ok, weil diese Dame unsere gute \u201eKaffeeseele\u201c ist und weil sie immer f\u00fcr Sauberkeit und gut gef\u00fcllte Kaffeemaschinen sorgt und weil diese nette und liebevolle polnische Dame trotz ihres Alters (und Cameltoe-Schritt) noch \u00fcberaus attraktiv ist, ging ich wieder raus, \u00fcber die Stra\u00dfe, den gro\u00dfen Parkplatz zur Produktionspforte. Dort sa\u00df wie immer hinter einer Glasscheibe ein sehr dicker Wachmann in Uniform und ich sprach ihn an \u201eMoin, einmal Fiebermessen, bitte.\u201c. Er wandte seinen Blick nicht vom uralten 2 Zoll R\u00f6hren-TV ab, auf dem grade das SAT1 Morgenmagazin lief, und richtete einen Faser durch die Panzerglasscheibe auf meine Stirn und murmelte nachdem das Ger\u00e4t piepste, \u201eJajohmrrmmrrok\u201c. Ich nahm das als Best\u00e4tigung, dass es mir gut ging, nahm meinen gedachten Hut und schlenderte wieder zur\u00fcck in das was auch immer Verwaltungsknochenm\u00fchlengeb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Ein wenig sp\u00e4ter, nach einer ersten Ziggi, wollte ich wiederum rein und die jetzt anwesende langbeinige Empfangsdame schaute mich erwartungsvoll an. Ich machte ein geiles Gesicht, l\u00e4chelte und lie\u00df einen lockeren Spruch ab. Ohne auf meine morgendlichen Emotionen einzugehen, hielt sie mir auch einen Faser vor die Stirn, dr\u00fcckte ab, das Ding piepste und sie haucht \u201e41 Grad \u2013 Du darfst rein, Schirrmi.\u201c. Ich so: \u201eDann bin ich ja auf dem Weg der Besserung. Vor einer Stunde hatte ich noch 43 Grad.\u201c. Ich bin so froh! SO FROH! \u00dcber meinen Arbeitgeber! Der k\u00fcmmert sich. Ich k\u00f6nnte juchzen! Nur wir \u00fcberleben!<\/p>\n<p>Bei mir gibt es nur feinstes Porzellan. Villeroy und Bosch. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck verlie\u00df ich mein Heim und musste nach dem Feierabend feststellen, dass trotz aller Werbeversprechungen immer noch Schmutz daran klebt. Seit Stunden versuche ich nun die braunen Stellen wegzupinkeln. Kennen Sie das?<\/p>\n<p>Mobilization &#8211; Point Omega <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=I3mlrpf5KgY\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=I3mlrpf5KgY<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offiziell ist die 1. Welle wohl vorbei. Nach vielen Wochen Homeoffice hat die Knochenm\u00fchle angeordnet, dass wir uns alle doch wieder in dem wundersch\u00f6nen, neuen Verwaltungsgeb\u00e4ude einzufinden haben. 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