{"id":4493,"date":"2018-01-24T18:26:50","date_gmt":"2018-01-24T17:26:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/?p=4493"},"modified":"2025-01-18T21:40:40","modified_gmt":"2025-01-18T20:40:40","slug":"nach-dem-sturm-die-stille-ein-nachruf-auf-charlie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/nach-dem-sturm-die-stille-ein-nachruf-auf-charlie\/","title":{"rendered":"Nach dem Sturm die Stille &#8211; Ein Nachruf auf Charlie"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche Donnerstag war es st\u00fcrmig. Sogar das neue Knochenm\u00fchlengeb\u00e4ude (<a href=\"http:\/\/kiezneurotiker.blogspot.de\/\">Kiezi<\/a> w\u00fcrde Borgw\u00fcrfel sagen) heulte, schrie und wackelte, die Insassen (<a href=\"https:\/\/www.matla.at\/\">Matla<\/a>) verrichteten \u00e4ngstlich ihre Dinge. Ich war auf den Nachmittag fokussiert. Denn ich nahm mir vor auf Heidis Beerdigung zu gehen. Heidi ist die Mama einer Freundin. Ich kannte sie nicht gut, habe sie aber doch noch feuchtfr\u00f6hlich in akzeptablen Alter kennenlernen k\u00f6nnen. Wir haben zusammen gelacht.<\/p>\n<p>So schaurig grausam sich die Welt an diesen Tagen offenbarte, so war ich zun\u00e4chst nur froh, dass ich noch in meinen dunklen Anzug passte. Die Trauerfeier selbst wurde von einem indischen, katholischen Pfarrer geleitet. Es war sehr bewegend. Mir kamen oft die Tr\u00e4nen. Auch wenn es manchmal vor Schmerzen war. Denn dieser Pfaffe hatte einen so lustigen Dialekt \u2013 ich musste mir manchmal das Lachen verkneifen. Und das tat weh. Aber die Inhalte hat er gut r\u00fcbergebracht. Ich bin bei diesem Thema ja kein Neuling. War jahrelang ein Neuapostolischer Bruder gewesen und bin deswegen der Bibelkunde und den Gedanken \u00fcber das Hier und dem Jenseits wohl vertraut. Es war sch\u00f6n und Heidi h\u00e4tte es gefallen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Haare der Trauerg\u00e4ste noch im Wind flatterten und Friederike sich immer noch aufb\u00e4umte, sich geb\u00e4rdete wie ein Abklatsch der Trompeten von Jericho, dachte ich \u00fcber mich und meine Lieben nach. Ja, auch \u00fcber die H\u00f6lle und \u00fcber den Himmel. Aber nur theoretisch. Ich m\u00f6chte niemanden irgendwelche Illusionen rauben. Ja, es war dem Anlass entsprechend der Zeitpunkt \u00fcber mich, \u00fcber meine Angeh\u00f6rigen und Freunde und \u00fcber die verg\u00e4ngliche Welt nachzudenken..<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Charlie<\/strong><\/h2>\n<p>Am Montag erfuhr ich zuf\u00e4llig aus dem Web (Danke Altautonomer, Pantoufle, Stefan Rose..) dass Charlie pl\u00f6tzlich verstorben war. Und zwar an ebendiesen Donnerstag den 18.1.2018. Und zwar am gleichen Tag als Friederike so ein unb\u00e4ndiges M\u00e4dchen war und ich auf einer Trauerfeier in mein Innerstes blickte und so auch allgemein wenig Licht am weltlichen und geistigen Horizont sah. Oh weia!<\/p>\n<p>Charlie kannte ich seit vielen Jahren. Nein, ich kannte ihn nicht. Ich kannte seinen Blog. <a href=\"http:\/\/narrenschiffsbruecke.blogspot.de\/\">Das Narrenschiff<\/a>. Und er war der Kapit\u00e4n und wusste sehr genau den Kurs. Er \u00f6ffnete mir oft die Augen mit seinen Texten. Er war gebildet. Er war zornig. Er war arm und doch so sehr reich mit seinem Blick auf die furchtbaren Missst\u00e4nde die unsere Welt regiert, die Menschen verwaltet als Sache. Er war mittendrin in einem menschenverachtenden System gegen das er mit Verve k\u00e4mpfte, schrieb, br\u00fcllte, weinte und oft nicht mehr den Glauben auf Besserung hatte. Nein, ich glaube er war nicht hoffnungslos. Denn ansonsten h\u00e4tte er uns nicht \u00fcber all die Jahre unerm\u00fcdlich und unerbittlich die Augen und die Ohren ge\u00f6ffnet und uns immer und immer wieder gezeigt wo der falsche Hase langl\u00e4uft. Kurs auf das Riff. Mit Mann und Maus wird untergegangen und das Schlimme, jeder wei\u00df es. Charlie \u2013 \u201eEin Musik- und Literaturwissenschaftler auf der heiteren Odyssee bzw. vergeblichen Suche nach dem Humanismus.\u201c Die Suche fand ein einsames und pl\u00f6tzliches Ende an einem st\u00fcrmischen Tag in der N\u00e4he eines Krankenhauses. Wies man ihn ab? Suchte er mit letzter Kraft Hilfe und schaffte es nicht mehr dorthin? War wieder mal das vom Harz-Regime erbettelte Geld zu wenig um ein Taxi zu rufen um ins Krankenhaus zu kommen? Hatte man ihn, was wahrscheinlich ist, jegliche Existenzgrundlage gek\u00fcrzt, dass er noch nicht mal um Hilfe rufen konnte?<\/p>\n<p>Charlie, mein lieber ungekannter Freund. Das Menschenverachtende Regime war zu stark und Du bist ein Opfer. Deine Texte sind nicht ungelesen, Deine Gedanken sind in unseren Herzen. Auch neben der Bloggerszene \u2013 wir, es werden Dich viele Menschen, Deine geliebte Ex-Freundin, die Gemeinde der Du als Organist immer wieder Freude und Seelenheil mit Deinem Orgelspiel spendeste, Deine Familie die manches nicht verstand, und alle anderen Deiner Gef\u00e4hrten die das Gl\u00fcck hatten Dich auf Deinem Weg zu begleiten. Wir werden Dich f\u00fcr immer in unser Herz schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und ich, der es nie verwinden kann, auf Deinen letzten Brief \u201eaus Zeitgr\u00fcnden\u201c nicht geantwortet zu haben. Der das nicht mehr ungeschehen machen kann, bin stolz und gl\u00fccklich Dich gekannt zu haben. Du hast mir viel gegeben und ich so wenig. Warte Charlie, ich antworte noch. Du bekommst noch eine Antwort und f\u00fcrchte mich vor: \u201eDiese Nachricht konnte nicht zugestellt werden.\u201c. Dann drucke ich es aus und lege es in Deine letzte Heimstatt.<\/p>\n<p>Ich schreibe diese Zeilen mit Tr\u00e4nen in den Augen und so furchtvoll wie man nur sein kann im Angesicht der letzten Tatsache, wie alleine man zuletzt doch ist. Ein lieber, gro\u00dfer, starker, feinf\u00fchliger und netter Mensch ist von uns gegangen. Wer \u00fcbernimmt jetzt den Job des Kapit\u00e4ns?<\/p>\n<p>Dein Schirrmi<\/p>\n<p>P.S.: Wir haben uns \u00fcber Rio Reiser, \u00fcber Ton Steine Scherben, The Bates mit dem armen Zimbl, \u00fcber Klassik und Hard Rock ausgetauscht. Du hast die erste offizielle CD meines Sohnes von mir erhalten (neben inoffiziellem): \u201eMobilization\u201c. Ich hoffe das folgende St\u00fcck h\u00e4tte Dich nicht gest\u00f6rt. Reinhard Mey. Das Narrenschiff.<\/p>\n<p><span class=\"embed-youtube\" style=\"text-align:center; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"604\" height=\"340\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/8Lz_qPvKCsg?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span><\/p>\n<p>Das Quecksilber f\u00e4llt, die Zeichen stehen auf Sturm,<\/p>\n<p>Nur bl\u00f6des Kichern und Keifen vom Kommandoturm<\/p>\n<p>Und ein dumpfes Mahlen grollt aus der Maschine.<\/p>\n<p>Und rollen und Stampfen und schwere See,<\/p>\n<p>Die Bordkapelle spielt \u201eHumbat\u00e4ter\u00e4\u201c,<\/p>\n<p>Und ein irres Lachen dringt aus der Latrine.<\/p>\n<p>Die Ladung ist faul, die Papiere fingiert,<\/p>\n<p>Die Lenzpumpen leck und die Schotten blockiert,<\/p>\n<p>Die Luken weit offen und alle Alarmglocken l\u00e4uten.<\/p>\n<p>Die Seen schlagen mannshoch in den Laderaum<\/p>\n<p>Und Elmsfeuer z\u00fcngeln vom Ladebaum,<\/p>\n<p>Doch keiner an Bord vermag die Zeichen zu deuten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Steuermann l\u00fcgt, der Kapit\u00e4n ist betrunken<\/p>\n<p>Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,<\/p>\n<p>Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,<\/p>\n<p>Der Funker zu feig\u2018 um SOS zu funken.<\/p>\n<p>Klabautermann f\u00fchrt das Narrenschiff<\/p>\n<p>Volle Fahrt voraus und Kurs auf\u2018s Riff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Horizont wetterleuchten die Zeichen der Zeit:<\/p>\n<p>Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit.<\/p>\n<p>Auf der Br\u00fccke tummeln sich T\u00f6lpel und Einfaltspinsel.<\/p>\n<p>Im Tr\u00fcben fischt der scharfgezahnte Hai,<\/p>\n<p>Bringt seinen Fang ins Trockne, an der Steuer vorbei,<\/p>\n<p>Auf die Sandbank, bei der wohlbekannten Schatzinsel.<\/p>\n<p>Die andern Geldw\u00e4scher und Zuh\u00e4lter, die warten schon,<\/p>\n<p>Bordellk\u00f6nig, Spielautomatenbaron,<\/p>\n<p>Im hellen Licht, niemand mu\u00df sich im Dunkeln rumdr\u00fccken<\/p>\n<p>In der Bananenrepublik, wo selbst der Pr\u00e4sident<\/p>\n<p>Die Scham verloren hat und keine Skrupel kennt,<\/p>\n<p>Sich mit dem Steuerdieb im Gefolge zu schm\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Steuermann l\u00fcgt, der Kapit\u00e4n ist betrunken<\/p>\n<p>Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,<\/p>\n<p>Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,<\/p>\n<p>Der Funker zu feig\u2018 um SOS zu funken.<\/p>\n<p>Klabautermann f\u00fchrt das Narrenschiff<\/p>\n<p>Volle Fahrt voraus und Kurs auf\u2018s Riff.<\/p>\n<p>Man hat sich glatt gemacht, man hat sich arrangiert.<\/p>\n<p>All die hohen Ideale sind havariert,<\/p>\n<p>Und der gro\u00dfe Rebell, der nicht m\u00fcd\u2018 wurde zu streiten,<\/p>\n<p>Mutiert zu einem servilen, gift\u2018gen Gnom<\/p>\n<p>Und singt lammfromm vor dem schlimmen alten Mann in Rom<\/p>\n<p>Seine Lieder, f\u00fcrwahr: Es \u00e4ndern sich die Zeiten!<\/p>\n<p>Einst junge Wilde sind gef\u00fcgig, fromm und zahm,<\/p>\n<p>Gekauft, narkotisiert und fl\u00fcgellahm,<\/p>\n<p>Tauschen Samtpf\u00f6tchen f\u00fcr die einst so scharfen Klauen.<\/p>\n<p>Und eitle Greise pr\u00e4sentier\u2018n sich keck<\/p>\n<p>Mit immer viel zu jungen Frauen auf dem Oberdeck,<\/p>\n<p>Die ihre schlaffen Glieder w\u00e4rmen und ihnen das Essen vorkauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Steuermann l\u00fcgt, der Kapit\u00e4n ist betrunken<\/p>\n<p>Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,<\/p>\n<p>Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,<\/p>\n<p>Der Funker zu feig\u2018 um SOS zu funken.<\/p>\n<p>Klabautermann f\u00fchrt das Narrenschiff<\/p>\n<p>Volle Fahrt voraus und Kurs auf\u2018s Riff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie r\u00fcsten gegen den Feind, doch der Feind ist l\u00e4ngst hier.<\/p>\n<p>Er hat die Hand an deiner Gurgel, er steht hinter dir.<\/p>\n<p>Im Schutz der Paragraphen mischt er die gezinkten Karten.<\/p>\n<p>Jeder kann es sehen, aber alle sehen weg,<\/p>\n<p>Und der Dunkelmann kommt aus seinem Versteck<\/p>\n<p>Und dealt unter aller Augen vor dem Kindergarten.<\/p>\n<p>Der Ausguck ruft vom h\u00f6chsten Mast: Endzeit in Sicht!<\/p>\n<p>Doch sie sind wie versteinert und sie h\u00f6ren ihn nicht.<\/p>\n<p>Sie zieh\u2018n wie Lemminge in willenlosen Horden.<\/p>\n<p>Es ist, als h\u00e4tten alle den Verstand verlor\u2018n,<\/p>\n<p>Sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor\u2018n,<\/p>\n<p>Und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Steuermann l\u00fcgt, der Kapit\u00e4n ist betrunken<\/p>\n<p>Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,<\/p>\n<p>Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,<\/p>\n<p>Der Funker zu feig\u2018 um SOS zu funken.<\/p>\n<p>Klabautermann f\u00fchrt das Narrenschiff<\/p>\n<p>Volle Fahrt voraus und Kurs auf\u2018s Riff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche Donnerstag war es st\u00fcrmig. 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