{"id":4329,"date":"2017-03-06T23:04:51","date_gmt":"2017-03-06T22:04:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/?p=4329"},"modified":"2025-01-18T21:40:42","modified_gmt":"2025-01-18T20:40:42","slug":"ein-leben-im-dachboden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/ein-leben-im-dachboden\/","title":{"rendered":"Ein Leben im Dachboden"},"content":{"rendered":"<p>Im Grunde war Klein-Johi ein netter Mensch. Stets zuvorkommend auch und ohne Hintergedanken zu Menschen die es im Geist anderer Leute wohl nicht verdient h\u00e4tten. Ihm war ein fr\u00f6hliches, offenes Wesen zu eigen was sich immer gerne und unausweichlich als Spiegel auf der den Lebensweg zweigenden Menschen Gesichter offenbarte. Wenn man \u00fcber ihn redete, bescheinigte man Klein-Johi eine ausgesuchte H\u00f6flichkeit. Zur\u00fcckhaltend bei Gespr\u00e4chen die ihn nichts angingen, Verschwiegenheit allenthalben. Jedoch frohgemut, still und innerlich wunderten sich andere ob man nicht naiv sagen k\u00f6nnte, stolperte er gl\u00fccklich durch die Welt und \u00f6ffnete die Herzen nicht nur wenn er, entschuldigen Sie bitte diesen Exkurs, morgens um 4:45 Uhr mit den Amseln um die Wette pfiff. Glockenhell, sein blondes Haar vor Freude werfend, die kleinen Z\u00e4hnchen blitzend und eine leere Dose Bier hinter sich polternd &#8211; nur um sich danach umzusehen ob alles gut, ob es niemanden getroffen hat. Glucksend, lachend vor Gl\u00fcck nahm er jeden in den Arm und steckte an &#8211; mit seinem Witz, \u00fcberbordende Fr\u00f6hlichkeit. Zu jedem Anlass und auch wenn es keinen gab, machte er einen Purzelbaum, die Kinder, M\u00fctter &#8211; ja auch die Katzen, Hunde lachten und versuchten es ihm nachzumachen. Nahm zwei, drei, vier oder mehr Dinge in die Hand und jonglierte wie wild und lachte sich kaputt &#8211; auf dem Kopf zur Not ne&#8216; Narrenkapp.<\/p>\n<p>Er trampte durchs Leben, lie\u00df sich lieben und liebte. Vor allem Letzteres. Es gab kein Hunger, nur manchmal Durst. Er trug einen alten Rucksack und hatte immer eine Dose Bier dabei, die er gerne teilte. Wenn er ein M\u00e4del sah, sprach er sie an und zuckerte sie mit wohlgeformten Worten an bevor er halb kichernd, halb versch\u00e4mt einen Salto-R\u00fcckw\u00e4rts vollzog, die Hosenknie seiner Jeans schon ganz l\u00f6chrig. Johi tat nie jemanden weh. Zumindest wollte er das nie.<\/p>\n<p>Ich muss bald umziehen. Ziehe von einem gottverlassenen Nest in ein anderes. Muss meine geliebte Muckelbude aufgeben die alles und noch viel mehr gesehen, erlebt, geh\u00f6rt und gef\u00fchlt hat. Sie hat mittlerweile eine Seele &#8211; ich war gut und lieb zu ihr, sie auch. Zwar manchmal zickig &#8211; aber das ist normal. Das st\u00f6rt mich nicht. Wenn ich sage &#8222;kenne ich, wei\u00df Bescheid&#8220;, dann gibt es das nicht, auch wenn man bis ins Klein-Klein nachdenken w\u00fcrde &#8211; nicht das wieder was ich und mit und unter und \u00fcber mit der Muckelbude erlebt habe.<\/p>\n<p>Sie sieht grade Schei\u00dfe aus. Nicht mehr sch\u00f6n. Schon fast wie ausgeweidet. Ihr Inventar wird nach und nach auseinandergenommen. Ich rede und rede und versuche lieb zu sein, so sanft wie m\u00f6glich, ich mag es ja auch nicht &#8211; bis zur Endreinigung. Ich halte mich auf dem Dachboden auf und lasse runter, lasse alles runter was fr\u00fcher war. Kartons, Kisten. Mit was drinn. Ich predige zu mir: &#8222;Schmei\u00df weg!&#8220; oder &#8222;Lass los!&#8220;. Alles das was weg ist m\u00fcssen meine geliebten Umzugshelfe nicht mehr schleppen und ich h\u00e4tte ein befreiendes Gef\u00fchl. H\u00e4tte. Es ist schwer. Die Kisten nicht. Sondern der Inhalt. Ein halbes Leben.<\/p>\n<p>In den meisten Kisten fand ich Platinen, Prozessoren, Interfacekarten und dazu Schaltkreisdokumentationen. Alte Software auf Medien zu denen es keine Laufwerke mehr gibt. Alte Studienunterlagen mit sch\u00f6ner, junger und naiver Handschrift. Programmieranweisungen mit meinen Kommentaren, noch ein weiteres Studium, jede Menge Hard- und Software die nur den Kenner nostalgisch werden lassen kann. Ein alter ausgeliehener L\u00f6tkolben, Zinn. Alles funktioniert noch, wenn man sich M\u00fche gibt. Ich hole die Kisten vom Dachboden runter und f\u00fchle und schaue und erinnere mich. Und krame weiter und immer weiter runter und mein Leben \u00f6ffnet sich wie eine Zwiebel und man sieht. Ich sehe wieder was ich mal war.<\/p>\n<p>Ich finde Briefe, Zettel, finde kleine Dinge in meinen jetzt zittrigen H\u00e4nden und lese und staune. So viele Menschen haben mir was gesagt. Haben mir Andenken geschenkt. Schenkten mir voller Hoffnung ihr Angedenken. Liebevolle Krizzeleien, Gem\u00e4lde, Gedichte. Hoffnung. Anbetung. Liebe. Z\u00e4rtlichkeit.<\/p>\n<p>Habe ich das damals wertgesch\u00e4tzt? Habe ich das damals als das angenommen was es war? Innige Liebesschw\u00fcre und Poesie dass sich Goethe sch\u00e4men m\u00fcsste wenn er r\u00fcckblickend seine Zeilen lesen w\u00fcrde.\u00a0 Habe ich entsprechend lieb reagiert? Oder, Fuck!, habe ich jemanden weh getan trotz der Beweise die Ewigkeiten halten sollten?<\/p>\n<p>Ich r\u00e4ume auf. Es ist sch\u00f6ntraurig und ich verliere mich bewusst und nicht ungl\u00fccklich in die Vergangenheit. Wir waren fr\u00fcher sowas von liebenswert. Gut. Punk. Und sch\u00f6n. Und dabei toll. Und \u00fcberaus sch\u00f6n. Innen und Au\u00dfen. Und selbstbewusst. Wir Kleinen \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n diese Fetzen durchzusehen. Ich finde nicht sch\u00f6n dass ich umziehen muss. Aber ansonsten h\u00e4tte ich diese oder jene Erinnerungen jetzt nicht in meine Finger bekommen.<\/p>\n<p>Ja, ich liebe euch auch.<\/p>\n<p>Euer Klein-Johi<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Grunde war Klein-Johi ein netter Mensch. Stets zuvorkommend auch und ohne Hintergedanken zu Menschen die es im Geist anderer Leute wohl nicht verdient h\u00e4tten. Ihm war ein fr\u00f6hliches, offenes Wesen zu eigen was sich immer gerne und unausweichlich als Spiegel auf der den Lebensweg zweigenden Menschen Gesichter offenbarte. 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