{"id":4064,"date":"2016-10-12T21:10:25","date_gmt":"2016-10-12T20:10:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/?p=4064"},"modified":"2025-01-18T20:26:59","modified_gmt":"2025-01-18T19:26:59","slug":"pflichtbewusst-hin-und-her","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schirrmi.de\/blog\/pflichtbewusst-hin-und-her\/","title":{"rendered":"Pflichtbewusst hin und her"},"content":{"rendered":"<p>Es ist fr\u00fch. Sehr fr\u00fch f\u00fcr mich. Der Wasserdampf der schnaufenden Lok h\u00fcllt das Bahngleis in unwirklichem Nebel und l\u00e4sst sich als sanftem Nieselregel auf die K\u00f6pfe der Wartenden nieder. Alle wissen, der Zug f\u00e4hrt erst in 30 Minuten los und so lange \u00e4chzt und st\u00f6hnt die Dampfmaschine, hier und da klirrt es wenn der Zugverantwortliche mit seinem Riesen Schraubenschl\u00fcssel mal an diese Bremse, mal an dieses Rad klopft. Gelassen und gewissenhaft geht er den Zug erst von vorne links nach hinten dann von hinten rechts nach vorne ab und klopft und pr\u00fcft. Alles zum Wohle der Fahrg\u00e4ste. Angenehm entspannt schlie\u00dfe ich das Schiebefenster, mein geflickter Seesack liegt oben im Gitter, \u00fcberdr\u00fcssig dem Treiben auf dem Bahnsteig zuzusehen lasse ich erst die Kippe auf den Bahnsteig dann mich in die Polster fallen. Die Augen fallen zu.<\/p>\n<p>Euskirchen. Die Gegend in der ich lange weit vor meiner Grundausbildung mein Unwesen trieb. Mal schwarz, mal bunt. Aber immer mit Kajal. Freundschaften, wir Jungs und M\u00e4dels trieben und probierten alles. Wir konnten das damals, sehr zum Verdruss. Der Erwachsenen. Nicht wissend wo uns Wind und Wetter des Lebens hintreibt. Wir nutzten die einzigartige Gelegenheit Jung zu sein, manchmal bis zum Erbrechen.<\/p>\n<p>Bonn. Auf dem Venusberg in einem Saal voller jungen Studenten aus dem Bauch geschnitten. Aufgewachsen \u2013 meine Oma war da. Geliebt und gelebt. Physik, Philosophie und Medizin studiert. Aber im Grunde gelebt und mit allem und uns Unbedarfte gefeiert. Aber auch meine erste Ausbildung, ich sage mal so, das Lederhandwerk habe renommiert erlernt. In dieser Zeit ergab es sich also..<\/p>\n<p>Sekundenschlaf, ich schrecke pl\u00f6tzlich auf. Stehe auf und schaue erleichtert aus dem Fenster. Puh, der Zug ist noch nicht abgefahren, wir stehen immer noch in Euskirchen. Ich bin n\u00e4mlich am Wochenende in EU versackt und musste Montagfr\u00fch nach BN zum Job. Mit einem L\u00e4cheln lie\u00df ich mich wieder in die Sitze fallen um direkt in s\u00fc\u00dfe Tr\u00e4ume von Nazi-Jagen, Schaufensterscheiben einwerfen und kafkaeske Gespr\u00e4che an alten, stabilen mit Brandl\u00f6chern versehenen Holztischen zu fallen. Meine Monatsauszubildendenfahrkarte auf dem kleinen Tischchen \u00fcber dem Drecksaschenbecher in dem ich meine letzte Tuborg-Dose gekrumpelt hatte war Ausweis genug f\u00fcr die Kontrollettis und lies mich ruhig schlafen. Irgendwann r\u00fcttelt jemand an meinen Schultern ich bekomme es nur halb mit. H\u00f6re nur was von \u201edues\u201c, \u201edues\u201c und mir klingt das Lied \u201ed\u00fcse.. im Sauseschritt..\u201c im Ohr. Friede, Stille weiterhin.<\/p>\n<p>Ich wache auf wie nach einem langem entspannten Schlaf, stehe erfrischt auf und schaue aus dem Fenster. Der Zug steht mal wieder. Schaue raus nach rechts, nach links und sehe das Bahnhofsschild. EUSKIRCHEN! What the fuck! Und schaue auf meine Armbanduhr die fehlt. Schaue auf die Bahnhofsuhr: 12:30 Uhr! Schaue auf meine F\u00fc\u00dfe, die Schuhe und eine Socke fehlt. Mein Seesack ist weg. Denke an meine Ausbildungsst\u00e4tte bei der ich um 8:30 Uhr h\u00e4tte in Bonn erscheinen m\u00fcssen. Oh, ich junger armer Tropf! In Zeiten wo es keine Mobiltelefone gab, sah ich wenige M\u00f6glichkeiten dem Ausbildungsbetrieb einen vorzul\u00fcgen. H\u00e4tte ich auch nicht machen k\u00f6nnen wie ich sp\u00e4ter erfuhr.<\/p>\n<p>Ausgeschlafen war ich mit einem gewissen Adrenalinspiegel. Wundersamerweise lagen meine Doc Martins verteilt in zwei entfernten Wagons. Eine Ringelsocke fand ich irgendwo. Meine Monatskarte lag noch da wo sie lag, soviel Anstand hatten die Leute. Mit relativ viel Brand wuchtete ich meinen Sack runter und trank erstmal eine Dose Bier auf ex. Danach konnte ich in Ruhe \u00fcberlegen was meine Situation ist.<\/p>\n<p>Wie folgt. Ich fuhr wohl stundenlang von Endstation zu Endstation hin und her und muss mich wohl im Rausch meiner Klamotten entledigt haben und, wie ich hinterher mal erfuhr, mich mit allen Fahrg\u00e4sten verbr\u00fcdern wollen. Dazu auch meine Ausbilderin im Betrieb (Sie stieg immer in Bonn-Duesdorf zu), die bl\u00f6de Petze, die mich das erste Mal bei der p\u00fcnktlichen Ankunft im Bonner Hauptbahnhof zwar gesehen\/erlebt hat, aber mich nicht geweckt und mich nicht in den Laden getragen hat. Die Sau da!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag musste ich zum Chef. Dem Junior-Chef. Menno, war mir das peinlich, ich drohte hinter meinem R\u00fccken der besagten Erstverk\u00e4uferin mit der Faust, und der kleine, d\u00fcnne Junior entgegnete meinem \u201eSchei\u00df druff\u201c mit \u201eJetzt aber zum Senior-Chef!\u201c. So sa\u00df ich da vor dem verkn\u00f6cherten Alten der immer mit den Armen auf dem R\u00fccken verschr\u00e4nkt durch den Laden l\u00e4uft, leises Volksweisen durch seine prek\u00e4ren Z\u00e4hnen pfiff und der den Laden schon seit 1792 f\u00fchrt. Sa\u00df ich da. Vor ihm. Und w\u00fcnschte mir eine Dose Bier herbei. Und er schwieg zun\u00e4chst. Lange. Und immer noch und blickt mich mit seinen alten, w\u00e4ssrigen blauen Augen an. Nicht vor Angst, sondern wegen Magen-\/Darmproblemen hatte ich aus Gr\u00fcnden schon eingeschissen, setzt er mit verrunzelten Augenbrauen an: \u201e..\u201c. Ich so: \u201eJa?\u201c Er fasst sich an die Brust, schaut immer noch so streng und gleichzeitig liebevoll: \u201eHerr Schirrmi, da hatten Sie aber einen Ritt! Das mir das nicht noch mal vorkommt!\u201c und entl\u00e4sst mich zur\u00fcck in den Laden. Feixend steht da die Chefdame, die dumme, bl\u00f6de Petze und freut sich \u00fcber meinen vermeintlichen Einlauf, ich gehe auf sie zu und sage: \u201eDas n\u00e4chste Mal&#8230;\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist fr\u00fch. Sehr fr\u00fch f\u00fcr mich. Der Wasserdampf der schnaufenden Lok h\u00fcllt das Bahngleis in unwirklichem Nebel und l\u00e4sst sich als sanftem Nieselregel auf die K\u00f6pfe der Wartenden nieder. 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